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Frauen verzichten lieber auf Einkommen als auf Familie.
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Frauen-Erwerbstätigkeit

Entscheidender Verzicht: Mütter setzen bewusst Prioritäten

Teil 2: Mehr Zeit für Kinder ist wichtiger als ein höheres Einkommen

Ihre Studie zeigt nicht nur, dass nicht mehr gearbeitet wird, sondern zum Teil sogar weniger. Warum geben die Familien die gesparten Gebühren gleich wieder her, indem einer – meistens wohl die Frau – Arbeitszeit und Einkommen reduziert?

Das hat uns auch erstaunt. Theoretisch ist es durchaus logisch, wenn Eltern sogar weniger arbeiten und dabei das Einkommensniveau halten. Wenn überhaupt, sehen wir eine Bewegung in diese Richtung. Man kann sagen: Die Eltern von Vorschulkindern kaufen sich Zeit.

Das ist erstaunlich, denn mehr Geld können doch sicher viele Familien gebrauchen. Die Familien scheinen an diesem Punkt tatsächlich mehr Zeit mit ihren Kindern wichtiger zu finden als mehr Geld.

Kostenlose Kinderbetreuung findet also großen Zuspruch, fördert aber nicht die Erwerbstätigkeit von Frauen. Was ist die Schlussfolgerung? Ist die Politik gescheitert?


So muss man das sehen. Wenn man das Ziel hatte, mehr Mütter in die Erwerbstätigkeit zu bewegen, dann ist das nicht passiert. Ein anderer Punkt, über den nachgedachte werden sollte, ist: Wie setzt man den Kostenerlass ein? Wenn vor allem einkommensschwache Familien positiv reagieren, wäre es vielleicht angebracht, nur denen die Kosten zu erlassen und für alle anderen die Gebühren nach Gehalt zu staffeln, wie es vielerorts auch üblich ist. Dann wäre mehr Geld vorhanden und könnte in die Qualität der Kinderbetreuung investiert werden.

Mehr Kinder aus einkommensschwachen Familien in Kitas zu bringen, war ebenfalls politisches Ziel. Also kann man doch von einem partiellen Erfolg sprechen?

Genau. Da sehen wir, dass bei den jüngeren Kindern einiges passiert.

Müssen Doppelverdiener-Familien und Alleinerziehende nun fürchten, dass die Lobby für mehr und möglichst kostenlose Betreuung nun geschwächt wird?

Die Gefahr sehe ich nicht. Das Phänomen in Deutschland ist ja, dass die Erwerbstätigkeitsquote hoch ist, nur eben bei gleichzeitig hoher Teilzeitquote. Das deutet darauf hin, dass das Problem vielleicht nicht mehr so stark in der Kleinkind- und Vorschulbetreuung liegt, sondern danach. An vielen Orten gibt es weniger Plätze in Ganztagsschulen und Horte als in Kitas. Eine andere Interpretation könnte sein: Die Leute wollen es einfach so und ziehen mehr Zeit für die Familie einem höheren Haushaltseinkommen vor.

Schön, wenn die Menschen nach ihren Wünschen leben können. Aber es ist doch keine Selbstverständlichkeit, dass ein oder eineinhalb Einkommen ausreichen.

Das ist richtig. Man sieht deshalb an den einkommensschwachen Familien den starken Effekt. Das sollte ein gesellschaftliches Interesse sein. Auch, weil wir als Gesellschaft hoffen, dass Kindern aus diesen Familien hochqualitative Betreuung besonders nützt. So bleiben wichtige Argumente für kostenlose Kitaplätze uneingeschränkt gültig.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 02.02.2018