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Mein schlimmster Job

Feinschliff mit blutigen Händen

HB
Frank Schübel leitet die Molkerei Weihenstephan. Vor seinem Werbewirtschafts-Studium arbeitete er einige Wochen an den Fließbändern von Daimler. Sein Vorgesetzter hatte jedoch für seinen Berufswunsch in der Werbebranche wenig übrig - und das ließ er ihn spüren.
Frank Schübel lernte bei Daimler vor allem für's LebenFoto: © PR
Meinen schlimmsten Job erlebte ich direkt nach dem Abi. Ich hatte einen Ferienjob bei Daimler ergattert, am Fließband, zusammen mit Maschinenbaustudenten. Die sah man dort besonders gern. Ich landete also im Rohkarossenbau bei Schichtleiter Vaclav. Der wollte gleich wissen, was ich studieren will. "Betriebswirtschaft", sagte ich. "Was ist das?" fragte Vaclav. "Ich werde Kaufmann!" "Wie Kaufmann?" fragte er nach. "Ich mache mal Werbung", antwortete ich. "Was? Das is' doch Leute verarschen! Ehrlichen Arbeitern das Geld aus Tasche ziehen!" Mein Protest prallte an ihm ab. Von diesem Moment an hatte Vaclav mich auf dem Kieker.Unter dem Schichtleiter arbeiteten 16 Leute, die hintereinander Autoteile polierten. Nach jeder Lackschicht wurde auf Staubeinschlüsse und andere Unregelmäßigkeiten kontrolliert, dann geschliffen und poliert. Da gab's gute Positionen wie Motorhaube und Dach, und eben die gemeinen. Die künftigen Maschinenbauer im Team bekamen die glatten Flächen zugeteilt und polierten in aufrechter Haltung.

Die besten Jobs von allen

Mich dagegen ließ Vaclav Türfalze schleifen - gebückt. Die scharfen Kanten musste ich mit Schleifpapier bearbeiten. Ohne Handschuhe, versteht sich, um Unebenheiten zu spüren. Diese Bandscheiben-Schikane haben natürlich nur die Außenseiter gemacht - wie angehende Werber, die ja keine Autos bauen wollten. Das gab blutige Hände und Rückenschmerzen. Aufgeben ging nicht: Für jeden Schwaben war's ja eine Ehre, "beim Daimler zu schaffe". Wer da rausflog, wäre im Ort geächtet worden!Trotzdem hat sich das Ganze gelohnt. Erst mal verdiente ich pro Woche etwa 1 000 Mark - das war damals richtig viel. Später begriff ich: Vaclav hatte ja Recht. Wenn Studenten reinschneiten, die viel bessere Zukunftsaussichten hatten als seine Fließbandarbeiter, konnten die auch ein paar Wochen mal die miesen Jobs machen.Danach musste ja wieder einer von Vaclavs Jungs ran. Ausgleichende Gerechtigkeit, finde ich heute. Auch der Lerneffekt war klar: Steigst Du in ein neues System ein, hinterfrag die Regeln, statt zu warten, bis Du durchgeregelt wirst. Von Vaclav lernen hieß also fürs Leben lernen. Die sechs Wochen Rückenschmerzen waren es wert.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2010

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