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Ratgeber

Fehlt die Motivation? Starten Sie wieder durch!

C. Kleff, R. Sprenger
Keine Lust auf gar nichts. Den Hintern nicht hoch kriegen. Das sind die Symptome für ein Motivationsloch. Wie man da raus kommt? Der renommierte Motivationsexperte Reinhard Sprenger hat für Junge Karriere seine Trickkiste geöffnet. An drei Problemfällen zeigt er, wie sich Lustlose selbst ein Bein stellen. Und was sie tun können, um wieder so richtig durchzustarten.
So geht Ihnen wieder ein Licht auf!Foto: © PictureArt - Fotolia.com
Den Augenblick erleben"Auf, auf und davon" .­ Mark Pätzold hält in Deutschland nichts mehr. Auswandern nach Neuseeland, das ist sein Ziel. Ein lohnendes, und trotzdem schwingt Angst mit. Nicht die Angst, es dort nicht zu schaffen. Sondern die Angst vor der Routine, die ihn immer wieder runterzieht. "Es ist absehbar, dass ich mich, wenn ich im Ausland Fuß gefasst habe, wieder frage: Was nun?"
Pätzold ist auf der Flucht. Flucht vor Routine. Sie ist es, die den 28-Jährigen immer wieder erstarren lässt, ihm jede Motivation raubt. Seit dem Abitur geht das schon so. "Ich brauche immer das Gefühl, dass es sich lohnt, etwas zu tun oder zu lernen."
Eigentlich nichts Besonderes, das geht wohl vielen so. Aber Pätzold redet nicht nur: Gerade hat er sein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik abgebrochen, drei Semester vor dem Diplom. Das Berufsumfeld gefällt ihm nicht. In rund 40 Jobs hat er schon gearbeitet, vom Lagerarbeiter bis zum technischen Redakteur war alles dabei. Nur nicht das Richtige.

Die besten Jobs von allen

Tauchlehrer und Autor, das könnte vielleicht was sein. Könnte. Vielleicht. Wenn er ehemalige Schulkollegen trifft, die heute als Anwälte oder Ärzte arbeiten, muss er seine Entscheidung immer wieder vor sich selbst rechtfertigen. In Neuseeland will er erst mal als Tauchlehrer arbeiten. Was danach kommt, weiß er noch nicht. Hauptsache keine Routine. Die Flucht geht weiter.
Der Expertentipp Motivationsloch? Mark Pätzold steckt in keinem. Er ist sogar ausgesprochen leistungsbereit, vielleicht sogar übermotiviert. Was ihm fehlt, ist Fokussierung. Ihm fehlt eine Bündelung seiner Energie, eine Engführung auf etwas, was zu erreichen sich für ihn wirklich lohnt. Das Schicksal hat ihn offenbar aus einem Füllhorn mit Talenten überschüttet. Das birgt aber auch die Gefahr, dass er sich grandios fühlt ("Ich kann alles!"), gleichzeitig aber nichts richtig kann.
Zudem scheint ihm ein Antreiber im Nacken zu sitzen, der ihm fortwährend "Beeil Dich!" zuruft. Kaum hat er etwas angefangen, verliert er schon das Interesse und hastet zur nächsten Aufgabe. Die Planungs- und Konzeptionsruinen, die seinen Lebensweg begleiten, zeigen, dass er sich nie wirklich einlässt. Er hat immer ein Alibi ­ was übersetzt "woanders" heißt.
Das ist zunächst einmal nichts Schlechtes. Wenn er hingegen selbst seine Lebensführung als minderwertig etikettiert, dann bewertet er sie relativ zu einer zielorientierten, geplanten und stetigen Entwicklung. Das muss er keineswegs. Seine ehemaligen Schulkollegen, die heute Ärzte und Anwälte sind, werden ihre eigenen Schwierigkeiten haben. Das Gras in Nachbars Garten ist immer grüner. Es kann sogar sein, dass sie Mark Pätzold seine Lebensführung heimlich neiden.
Wenn er aber wirklich etwas ändern will (was ich nicht glaube), dann muss er lernen, nicht nur auf ein Ziel, einen Endzustand zu schauen, sondern den Weg dahin zu genießen. Den Augenblick, das "Jetzt", als vollständig zu erleben. Und nicht davon zu träumen, dass es woanders schöner, liebevoller oder besser bezahlt sein könnte. Wenn ihm das nicht gelingt, wird er bis an sein Lebensende niemals da sein, wo er ist.Die Angst überwinden Läge der Arbeitsmarkt für Online-Redakteure nicht so danieder, Carola Singer* hätte wohl schon lange alles hingeschmissen. "Wahrscheinlich", sagt die 36-Jährige. Die Situation bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber Siemens ist nahezu unerträglich: Viel zu wenig Leute für viel zu viel Arbeit, Zusagen über Gehaltserhöhungen werden nicht eingehalten. In der Abteilung ist jeder Einzelkämpfer und fährt ohne Rücksicht auf Verluste die Ellbogen aus.Fast hätte ein Praktikant sie auf Wunsch der auftraggebenden Abteilung vor ein paar Monaten aus einem Projekt verdrängt. Carola Singer hat den Betriebsrat eingeschaltet und durfte bleiben. Die Lust an der Arbeit bleibt dabei auf der Strecke. "Das ist alles nicht wirklich lustig. Man fühlt sich so zerrissen." Selbstmarketing sei ihr Schwachpunkt, sagt sie. Sich als freie Journalistin selbstständig zu machen, sei daher für sie keine Alternative. Wirklich nicht?Der Expertentipp 
Wer Zusagen nicht einhält, hat keine Furcht, dass der andere sich abwendet. Ja, er rechnet vielleicht sogar damit. Die zugesagte, dann aber gestrichene Gehaltserhöhung ist ein deutliches Signal: Der Chef und das Unternehmen fürchten nicht, dass Carola Singer sich nach einer anderen Stelle umsieht. Darauf verweist auch die Tatsache, dass sie nur mit Hilfe des Betriebsrats im Projekt bleiben konnte und nicht ­ wie vom Chef gewollt ­ durch einen Praktikanten ersetzt wurde. Ich will es deutlich sagen: Carola Singer ist eigentlich schon abgewählt worden und versucht gleichsam zu überwintern.
Das sollte sie nicht tun. Sie zahlt den höchsten Preis, den man in diesem Leben zahlen kann: den Verlust der eigenen Selbstachtung. Wer die verloren hat, hat fast alles verloren. Er wird immer herumgestoßen und lässt es auch mit sich machen. Wenn Carola Singer sagt, "Die machen mit uns, was sie wollen", dann gehören dazu immer zwei: jemand, der macht, und jemand, der das zulässt.
Dabei ist es doch gar nicht so schwierig, adieu zu sagen. Wo wären denn die Paradiese, deren Verlust zu beklagen wäre? Die Arbeitssituation ist doch alles andere als erstrebenswert, ja sie kann offenbar kaum demotivierender sein. Es wird höchste Zeit, dass Carola Singer ihr Schicksal in beide Hände nimmt und ihr eigenes Ding macht. Was kann das sein? Das hat sie selbst gesagt: Sie glaube nicht so recht an ihre Fähigkeit zur Selbstvermarktung. Das ist der Weg. Der Weg der "Heraus"-Forderung, der Grenzüberschreitung. Es geht immer da lang, wo die Angst ist.* Name von der Redaktion geändertDie Not der Notlosigkeit 
Die Bank war ihre Ausrede. Die fehlt jetzt. Und Nadine Funke fragt sich, warum sie es nicht schafft, mehr Zeit in ihr Studium zu investieren. Im ersten Semester hat die 24-jährige Bankkauffrau und BWL-Studentin 20 Stunden die Woche in einer Bank in Berlin gearbeitet ­ und das neben der Uni. Im zweiten Semester waren es noch 16 Stunden, oft bis 22 Uhr und auch am Wochenende. Viel Zeit für die Uni blieb da nicht.
Mit dem dritten Semester sollte alles besser werden. Nadine Funke ließ sich bei der Bank beurlauben. Bafög und das Kindergeld ihrer Eltern sorgen zurzeit für ein finanzielles Auskommen. Aber: "Ich habe mich schon im Vorfeld gefragt, was ich dann mit der ganzen Zeit machen soll." Der Rückblick ist ernüchternd. Gemacht hat sie ziemlich viel, etwa in einer studentischen Unternehmensberatung gearbeitet ­ nur nicht das, was sie eigentlich machen wollte: mehr Energie ins Studium investieren, Spanisch lernen, mehr Sport. Dafür fehlte dann doch die Zeit. "Das läuft im Moment bei mir nach dem Motto: Komm ich heut nicht, komm ich morgen." Nun will sie es mit der Brechstange probieren: Lerntermine werden im Kalender verewigt. "Ich versuche, mich daran zu halten. Das klappt aber nicht immer."Der Expertentipp 
Das ist die Not der Notlosigkeit. Eingebettet in Bafög, Geld von den Eltern und die Option, wieder in die Bank zurückzukehren, fehlt Nadine Funke ein echtes Problem, das zur Lösung ansteht und keinen Aufschub erlaubt. Was passiert, wenn nichts passiert? Nichts. Wichtig ist in der Lebensführung nur das, was Konsequenzen hat. Was keine Konsequenzen hat, ist nicht wichtig. Und es hat keine Konsequenzen, wenn sie sich für die Unentschiedenheit entscheidet. Außer vielleicht, dem eigenen Anspruch nicht zu genügen.
Auch Spanisch zu lernen und Sport zu treiben, ist ihr nicht wirklich wichtig. Sonst würde sie es tun. Wer sagt "Ich habe keine Zeit", dem ist etwas anderes wichtiger. Dafür will er aber nicht geradestehen und beschuldigt stattdessen die Zeit. Die kann aber gar nichts dafür. Was ist Nadine Funke wichtig? Darüber scheint sie sich nicht klar zu sein. Denn defizitär erscheint ihr ihre Lebensführung ja nur mit Blick auf ein Ideal, das sie vielleicht ahnt, aber noch nicht ausdrücklich fixiert hat: Was will ich wirklich? Was ist das Thema, um das es in meinem Leben gehen soll? Wofür will ich mich richtig einsetzen?
Ein Hinweis könnte ihr die Situation der ersten zwei Semester geben. Da war sie offenbar im "Flow" ­ ein höherer Aktionsumsatz erzeugte ein insgesamt höheres Leistungsniveau. Jetzt ist der Elan nicht mehr notwendig, das heißt, hier ist keine "Not zu wenden". Deshalb erzählt sie sich und anderen davon, dass sie "versuche", Lerntermine einzuhalten.
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