Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Lebensplanung

Familie und Karriere - beides ist möglich

Til Knipper
Mit der Vereinbarkeit von Karriere und Familie werben Unternehmen inzwischen offensiv um Mitarbeiter. Und dabei geht es nach Angaben der Unternehmen nicht nur um gute PR - sondern darum, eine familienbewusste Arbeitskultur zu schaffen.
Karriere und Familie: Nicht nur ein FrauenproblemFoto: © Pavel Losevsky - Fotolia.com
Windelgeld, Feriencamps für Kinder, Chefs in Teilzeit, Kühlschrankbefüllung, Bügelservice, Coachs for Working Parents und flexible Arbeitszeitkonten. Das ist nur ein Bruchteil der Maßnahmen, die kleine, mittlere und große Unternehmen in den vergangenen Jahren ergriffen haben, um ihren Mitarbeitern und deren Familien das Leben zu erleichtern. Neben politischen Maßnahmen, wie dem von der Großen Koalition eingeführten Elterngeld, hat auch die "Beruf und Familie GmbH" einen großen Beitrag dazu geleistet. Die Tochtergesellschaft der Hertie-Stiftung feiert kommende Woche ihr zehnjähriges Jubiläum."Es hat in diesem Zeitraum ein Paradigmenwechsel stattgefunden", sagt Geschäftsführer Stefan Becker. Als "Beruf und Familie" 1998 gegründet wurde, lautete die offizielle Einschätzung der großen Unternehmen und ihrer Verbände, dass die Vereinbarkeit von Karriere und Familie kein Thema für die Wirtschaft sei. Darum müsse sich jeder Einzelne persönlich kümmern, und Familienpolitik sei Sache des Staates. Welche Bedeutung der Staat dem Thema zubilligte, zeigte der damals frisch gewählte Bundeskanzler Gerhard Schröder, als er das Familienministerium als Ressort für "Gedöns" bezeichnete.

Die besten Jobs von allen

Es geht nicht nur um gute PRUm die Unternehmen vom Gegenteil zu überzeugen, entwickelte "Beruf und Familie" ein Auditierungsverfahren für die Familienfreundlichkeit von Unternehmen. Dabei kommt ein lizenzierter Berater in die Firma und stellt zunächst den Status quo fest. "Im zweiten Schritt führen wir einen Workshop mit einem repräsentativen Querschnitt der Belegschaft durch", erklärt Stefan Becker. Dort wird ein Maßnahmenkatalog erarbeitet, den das Unternehmen in einem Zeitraum von drei Jahren umsetzen muss. Nachdem die Geschäftsleitung den verbindlichen Katalog unterschrieben hat, darf der Betrieb bis zur Reauditierung mit dem Zertifikat "audit berufundfamilie" werben."Es geht aber nicht nur um gute PR, sondern darum, ernsthaft eine familienbewusste Arbeitskultur zu schaffen", sagt Becker. Die Auditoren überprüfen zwischen den Audits einmal im Jahr, ob die Vereinbarungen in den Unternehmen umgesetzt werden. Um als Auditor für "Beruf und Familie" arbeiten zu dürfen, müssen diese externen Berater mindestens fünf Jahre Berufserfahrung mitbringen. "Viele unserer derzeit 40 lizenzierten Auditoren kommen aus dem Personalwesen oder der Organisationsentwicklung", sagt Becker. Es gibt aber auch Spezialisten für Arbeitszeitberatung, betriebliche Kinderbetreuung und Telearbeit. Alle erhalten eine Schulung zu familien- und arbeitsrechtlichen Fragen.Über 680 Arbeitgeber, neben Unternehmen auch viele Hochschulen, haben das standardisierte Verfahren durchlaufen. Die Reauditierungsquote beträgt 90 Prozent. Die Anzahl der Mitarbeiter dieser Unternehmen liegt bei über einer Million. Für die Auditierung müssen die Unternehmen bezahlen. Je nach Anzahl der Beschäftigten kostet das Verfahren zwischen 5000 Euro für Kleinstbetriebe mit bis zu 25 Mitarbeitern und 16500 Euro bei Unternehmen mit bis zu 3000 Beschäftigten. Bei noch größeren Firmen erfolgt in der Regel mehr als eine Auditierung. Darüber hinaus erhält "Beruf und Familie" für ihre Arbeit Geld von der Hertie-Stiftung und aus dem Europäischen Sozialfonds der EU. Trotz der Fortschritte der vergangenen Jahre gibt es weiterhin viel zu tun.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick