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Weiterbildung

Fachanwälte: Hier sind Spezialisten gefragt

Melanie Rübartsch
Die Zahl der Fachanwälte steigt und Anwaltsboutiquen werden zu aussichtsreichen Alternativen für Gründer und Angestellte. Plus: Der Weg zum Fachanwalt.
Die Zahl der Fachanwälte steigt stetigFoto: © Dot Com - Fotolia.com
Mit Krisen kennt sich Raik Müller aus. Seit 2005 ist der 35-jährige Rechtsanwalt in der auf Insolvenzrecht und Sanierungsberatung spezialisierten Düsseldorfer Kanzlei bb Sozietät Buchalik Brömmekamp tätig. Damit hat er selbst einen soliden Broterwerb, findet Müller, denn Marktbereinigung werde es in irgendeiner Form immer geben. Die derzeitige Finanzkrise allerdings beschert Sanierungsberatern noch mehr Mandate - denn die komplette Wirtschaft leidet unter der Verknappung der liquiden Mittel. Schon im Studium hatte Müller ein Faible für das Wirtschaftsrecht. Nach den Examina nahm er zunächst in Dresden eine Stelle im Büro eines Insolvenzverwalters an. Doch diese Tätigkeit empfand er bald als zu deprimierend. "Der Verwalter kommt im Grunde immer zu spät", sagt Müller heute.Im Rahmen der Sanierungsberatung kann er nun mit kreativen Ideen schon vor der Insolvenz ansetzen - und im besten Fall Unternehmen retten. "Ich habe mir bewusst eine hochspezialisierte Kanzlei und kein großes Anwaltsunternehmen gesucht, weil ich näher am Mandanten arbeiten kann", begründet der Anwalt seinen Jobwechsel. Hinzu kommt, dass die Sozietät als ein Partnerunternehmen der Unternehmensberatung mbb consult gegründet wurde. Anwälte und Berater arbeiten zusammen. Seine Expertise als Insolvenz- und Wirtschaftsrechtler kann der junge Anwalt nun zügig weiter ausbauen. Raik Müller ist einen Weg gegangen, den viele Karriereplaner sowohl dem Anwaltsnachwuchs als auch etablierten Juristen predigen: Sucht euch frühzeitig eine Nische, spezialisiert euch, macht euch einen Namen.

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Die Anwaltsdichte steigt stetigDie Empfehlung ist aktueller und wichtiger denn je. Die Anwaltsdichte steigt stetig. Ende der 1990er Jahre waren in Deutschland zirka 60000 Anwälte tätig. Anfang 2008 verzeichnete die Bundesrechtsanwaltskammer rund 147000 Advokaten. Marktbeobachter schätzen, dass die Zahl bis 2015 sogar auf 190000 steigen könnte. Der Umsatz, den diese Anwaltsschar unter sich teilen muss, dürfte dagegen nicht spürbar ansteigen. Hinzu kommt: "Das Recht wird immer komplexer und internationaler", sagt Utz Brömmekamp, Partner und Mitbegründer der bb sozietät und der mbb consult. Generalisten könnten daher bald maximal noch die Rolle des juristischen Hausarztes übernehmen, der seine Mandanten an den passenden Spezialisten weiterreicht. "Der wiederum sollte auch über seinen juristischen Tellerrand hinausgeblickt haben", meint der Insolvenzrechtler. Hervorragende Englischkenntnisse seien Pflicht, Kenntnisse in BWL oder Ingenieurwissenschaften seien vor allem im Wirtschaftsrecht sehr hilfreich. Auch bei Gründungen ist Spezialisierung gefragt. "Jeder Anwalt, der meint, er müsse am Anfang alles annehmen, um zu überleben, verzettelt sich", sagt Martin Lang. Er ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Anwaltsmanagement im Deutschen Anwaltverein. Oft genug hat der Erb- und Familienrechtler aus München beobachtet, dass Kollegen aufgeben mussten, weil das Einarbeiten in fremde Materie viel zu lang gedauert hat, um wirtschaftlich arbeiten zu können.Anwalt mit besonderen Kenntnissen und ErfahrungenDer Anwaltssektor hat auf den Bedarf nach Spezialisierung längst reagiert. Die Zahl der Fachanwälte (FA) zum Beispiel wächst beständig. Gab es Ende der 1990er Jahre gerade mal vier Fachanwaltschaften, ist die Anzahl inzwischen auf 19 gestiegen. Der 20. Titel - der FA für Agrarrecht - ist in Arbeit. Anfang 2008 zählte die Rechtsanwaltsordnung 32 474 Fachanwälte. Damit tragen rund 22 Prozent aller zugelassenen Advokaten diesen Zusatztitel, der sie als Anwalt mit besonderen Kenntnissen und Erfahrungen auf einem Rechtsgebiet ausweist (siehe Kasten Seite 16). Besonders beliebt ist er bei Arbeitsrechtlern (7699 bundesweit) und Familienrechtlern (7474 bundesweit). Großen Zuwachs haben im vergangenen Jahr vor allem die Fachanwälte für Medizinrecht, gewerblichen Rechtsschutz und Informationstechnologierecht erhalten. Grund ist nach Einschätzung der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) vor allem, dass diese Fachanwaltschaften erst 2006 beziehungsweise 2007 gegründet wurden. "Ob die Fachanwaltstitel in diesen Nischen nun ein ähnlich konstantes Wachstum wie die Arbeits- oder Familienrechtler erleben, bleibt abzuwarten", meint Julia von Seltmann, BRAK-Geschäftsführerin. Die Anmeldungen für die Lehrgänge seien jedenfalls schon wieder rückläufig. Auch sogenannte "Anwaltsboutiquen" - kleine auf Nischen spezialisierte Sozietäten - gewinnen an Bedeutung und holen sich immer mehr vom Umsatzkuchen. Diesen Trend belegen auch die Gewinner des begehrten Soldan Kanzlei-Gründerpreises, den zweimal in Folge Boutiquen absahnten: 2006 wurde eine Kanzlei ausgezeichnet, die sich auf Arzneimittelrecht spezialisiert hatte. Und 2008 gewann unter anderem ein Anwaltsbüro, das seine Mandanten ausschließlich zum Umsatzsteuerrecht berät. Im Familienrecht bringt das Buhlen um Mandanten noch ganz andere Boutique-Ideen auf den Markt: "Einige meiner Kollegen schließen sich mit Psychologen oder Mediatoren zu Dienstleistungszentren zusammen, die etwa ein zerstrittenes Ehepaar in seiner gesamten Krise kommunikativ, juristisch und emotional beraten kann", berichtet Anwalt Martin Lang. "Oft entschließen sich hochqualifizierte Anwälte aus großen Wirtschaftskanzleien, sich als Ableger auf ihrem Gebiet selbstständig zu machen - als Alternative zur Partnerschaft im großen Anwaltsunternehmen", beobachtet der auf die Vermittlung von Juristen spezialisierte Personalberater Daniel Schollmeyer.

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