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Viele Jobs könnten neu entstehen, wenn weniger Überstunden geleistet werden müssten
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1,8 Milliarden Überstunden

Extra-Jobs statt Mehrarbeit

Kerstin Dämon, wiwo.de | dpa
Satte 1,8 Milliarden Überstunden haben Angestellte im vergangenen Jahr in Deutschland geleistet, hat jetzt die Bundesagentur für Arbeit bekanntgegeben. Rund eine Milliarde davon waren unbezahlt. Die Schaffung neuer Stellen könnte die Situation verbessern.
Extraschichten gehören in Deutschland dazu – nach Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit sogar in großer Anzahl: Mehr als 1,8 Milliarden Überstunden hat sie gezählt. Davon waren rund eine Milliarde Überstunden unbezahlt, wie eine aktuelle Erhebung des zur Bundesagentur gehörendenden Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IBA) zeigt.

Jetzt hagelt es Kritik. So sagt Annelie Buntenbach, Mitglied des Vorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes: "Fast eine Milliarde unbezahlter Überstunden sind ein Skandal, der schnell beendet werden muss." Wer schon mehr leiste, als er müsse, solle dafür wenigstens entlohnt werden, so Buntenbach gegenüber der "Saarbrücker Zeitung".

Personaldecke oft zu dünn

Und die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, behauptet: "Deutschland würde ein wahres Jobwunder erleben, wenn die Unternehmen, statt Überstunden zu verlangen, Stellen einrichten würden."

Wenn eine Belegschaft dauerhaft Überstunden mache, sei das ein Zeichen für eine dünne Personaldecke, Arbeitsverdichtung und zunehmendem Stress. Im Vergleich zum Jahr 2014 habe die Zahl der Überstunden sogar zugenommen – sowohl die der bezahlten, als auch der unbezahlten. Das sei ein deutliches Zeichen.

Männer klotzen richtig rein

Hinzu kommt: Es sind immer die Gleichen, die mehr arbeiten, als in ihrem Arbeitsvertrag steht. Wie der aktuelle Arbeitszeitmonitor des Vergütungsdienstleisters Compensation Partner GmbH zeigt, machen zum Beispiel Männer tendenziell mehr Überstunden als Frauen.

So leisten 39 Prozent der Frauen in einer Woche bis zu fünf Extrastunden. Bei den Männern arbeiten 61 Prozent bis zu fünf Stunden länger. Aber: Unter den Arbeitnehmern, die auch mal 26 bis 30 Überstunden pro Woche leisten – also pro Tag fünf bis sechs Stunden dranhängen, sind 80 Prozent Männer. Die sind vermutlich Unternehmensberater bei einer der großen Kanzleien, die als Überstunden-Spitzenreiter gelten. Sie bekommen dafür in der Regel ein entsprechendes "Schmerzensgeld".

Chefs harren länger im Büro aus

Laut Arbeitsmonitor werden die meisten Überstunden in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, in Hessen, Sachsen und dem Saarland gemacht. Dort arbeiten die Angestellten im Durchschnitt sechs Stunden zusätzlich pro Woche.

Laut dem Arbeitszeitmonitor hängt die Zahl der Überstunden aber vor allem von der Position ab: Indianer gehen pünktlich, Häuptlinge bleiben länger. Wer mehr als 120.000 Euro jährlich verdient, macht jede Woche fast zehn Überstunden.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 15.07.2016

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