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Jura

Erfolgreich ohne Prädikatsexamen

Julia Groth, Christoph Hus, Sarah Löhr
Viele Juristen haben kein Prädikatsexamen - und somit keine Chance als Richter oder Syndikus. Ein Ausweg ist, eine eigene Kanzlei zu gründen. Der Weg enthält viele Unwägbarkeiten und erfordert Mut. Erfolgreich ist dabei nur, wer strategisch vorgeht.
Veronica Pütz hat sich stark spezialisiert und selbstständig gemachtFoto: © Andreas Reeg
Veronica Pütz ist wählerisch. Wenn sie einen neuen Fall auf den Tisch bekommt, macht sie sich nicht gleich an die Arbeit, sondern überlegt kurz, ob sie ihn annehmen soll. Ist sie unsicher, gibt sie ihn ab - an ihre Bürokollegin, eine Generalistin, oder an einen anderen Anwalt.Dass sie freiwillig auf Umsatz verzichtet, ist nicht selbstverständlich. Die 34-Jährige hat sich erst vor zwei Jahren in Wiesbaden selbstständig gemacht, und Jungjuristen sind nicht gerade rar auf dem deutschen Markt. Vor allem an Anwälten ohne Prädikatsexamen mangelt es nicht - und zu denen zählt Veronica Pütz. Die Konkurrenz ist also groß. Warum sie trotzdem nicht jeden Mandanten annimmt?

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"Ich habe mich spezialisiert und erarbeite mir mit der Zeit einen Ruf als Steuerrechtlerin", sagt sie. Fälle anderer Rechtsgebiete würden ihr Profil, das sie durch einen Fachanwaltstitel geschärft hat, nur verwässern. Mittel- und langfristig zahle sich diese Strategie aus, sagt sie. "Die Kollegen revanchieren sich, indem sie Mandanten mit Steuerrechtsproblemen an mich verweisen." Die ersten Steuerberater haben Veronica Pütz auch schon empfohlen.Ohne Prädikatsexamen ist der Arbeitsmarkt engDie Zahl der Juristen ohne Prädikatsexamen ist groß. Nach Zahlen der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) gelingt es nicht mal jedem fünften Absolventen, das Studium mit der begehrten Auszeichnung abzuschließen. Der große Rest hat das Nachsehen. Denn ohne die Auszeichnung ist es nahezu unmöglich, eine Anstellung bei einer renommierten Kanzlei, in der Rechtsabteilung eines großen Unternehmens oder im Staatsdienst zu bekommen. Die Alternative, eine eigene Kanzlei zu gründen, erscheint vielen wenig attraktiv. Allein im laufenden Jahr wurden schon 3500 Anwälte zugelassen.Dass es klappen kann, vor allem wenn man sich spezialisiert, beweist auch Sabrina Buelli, 30. In ihrer Rechtsanwaltskanzlei ABHR in der Kölner Innenstadt sieht alles nagelneu aus. Moderne Bilder an den Wänden, die Möbel hell und sparsam verteilt. Keine Spur vom altväterlichen Charme, den man von Anwälten erwartet. Die Mitbegründerin passt gut in dieses Büro, sie wirkt selbstsicher und vertrauenswürdig. Dabei schienen ihre Startchancen nicht die besten zu sein: Auch sie stand nach ihrem Studium an der Uni Köln ohne Prädikatsexamen da.Kontakte knüpfen ist wichtigDoch davon ließ sie sich nicht entmutigen und besann sich auf ihre Stärken. Erstens: Sie spricht fließend Italienisch. Das unterscheidet sie von der Masse der Junganwälte, die allenfalls Englisch beherrschen. Und zweitens: Sie knüpfte Kontakte. Während ihres Referendariats lernte sie am Landgericht Aachen zwei Juristen und eine Juristin in ihrem Alter kennen, die ebenfalls aus Köln kamen und auf der Suche nach einer Antwort waren, was sie mit ihrem Abschluss anfangen sollten.Aus der Bekanntschaft wurde erst eine Fahrgemeinschaft, dann Freundschaft - und schließlich eine zu viert geführte Rechtsanwaltskanzlei. "Das Gesamtpaket hat gepasst", sagt Buelli heute über ihre Entscheidung, gemeinsam mit den Freunden den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. "Allein hätte ich mich das nicht getraut. Es wäre mir viel zu riskant gewesen."

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