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Arbeitsmarkt

Erfinden Sie Ihren Job neu

Britta Mersch
Flexibel soll man sein, so verlangen es Unternehmen von ihren Mitarbeitern. Aber warum immer die Aufgaben vom Chef diktieren lassen? Nehmen Sie die Dinge selbst in die Hand. Erfinden Sie Ihren Job neu oder bauen Sie sich eine Existenz auf. Der Zeitpunkt ist gut: In der Krise ist alles im Wandel.
Immer mehr Arbeitnehmer erfinden ihren Job neuFoto: © Emanuel Bloedt
Mit 27 Controller werden und die nächsten 40 Jahre Bilanzen lesen? Als Anwalt für Scheidungsrecht beginnen und bis zur Rente frustrierte Ehepaare trennen? Zum Personalmanager aufsteigen - und dann immer wieder die gleichen Vorstellungsgespräche führen? Oder mal ein Konzept aus Legosteinen anfertigen und damit seine Chefs überzeugen? Christian Doll, 36, IT-Experte bei Siemens, entschied sich für die Lego-Variante. Vor etwa zwei Jahren stellte sich der Münchener Konzern die Frage, wie man den Service seiner IT-Abteilung besser in den weltweiten Standorten anbieten könnte. Ausgliedern ja, aber wie genau? Eine Idee hatte keiner. Um die zu entwickeln "fehlten uns auch die Strukturen", sagt Doll. Also lief zunächst alles weiter wie bisher.Doll aber dachte nach, trommelte vor gut einem Jahr ein Team zusammen und baute einen Prototypen - aus Legosteinen und mit Figuren. Der Kunde bekam (als König) eine Krone auf, das Männchen mit dem Geld-Symbol trug die Budgetverantwortung, und die Beziehungen untereinander stellten den Prozess in der Abteilung dar. "Meine Chefs haben komisch geguckt, als ich mit dem Modell in den Konferenzraum trat. Aber als ich anfing zu erzählen, verschwanden langsam die Fragezeichen in ihren Gesichtern." 20 Minuten später hatte er alle überzeugt.

Die besten Jobs von allen

"Arbeitskraftunternehmer" - eine neue Spezies auf dem JobmarktChristian Doll hat seinen Job neu erfunden. Zumindest hofft er, den Konzern auch in Zukunft mit innovativen Problemlösungen zu beraten - sein Konzept wird zurzeit geprüft. Für Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler sind Menschen wie er "Arbeitskraftunternehmer", eine neue Spezies von Arbeitnehmern. "Man muss sich und seine Arbeit wie ein Produkt sehen", sagt Günter Voß, Soziologe an der TU Chemnitz. Arbeitnehmer sollten die Bereitschaft zeigen, den Prozess in einem Unternehmen selbst zu gestalten und sich weiterzubilden. "Das beginnt beim Zeitmanagement und geht bis zur Organisation des gesamten Lebenslaufes."Doll macht das gerade. Neben seinem Beruf absolviert er den Studiengang Executive MBA in Innovations & Business Creation, der seit kurzem an der TU München in Kooperation mit der Handelshochschule Leipzig angeboten wird. "Wir bilden Leute aus, die gestaltend aktiv werden wollen", sagt Martin Zißler, der Leiter des Studiengangs, "die also in Unternehmen Veränderungen anstoßen oder eigene Start-ups gründen." Die Studenten sollen lernen, Chancen zu erkennen: Wie lässt sich das Unternehmen weiterentwickeln? Wie schöpft man Potenziale aus? Aber auch: Welches Potenzial bringe ich mit, um neue Prozesse anzustoßen?In vielen Unternehmen gibt es entsprechend großen Veränderungsdruck. Aber: "Häufig fehlen den Mitarbeitern die Kompetenzen, diese Prozesse anzustoßen und erfolgreich durchzuführen", sagt Zißler. In Arbeitsgruppen lernen die Studenten in München an fiktiven und realen Beispielen, neue Ideen umzusetzen - und dabei so innovative Werkzeuge zu verwenden wie den Lego-Baukasten. Neue Pfade beschreiten und Ideen ausprobieren, das ist wichtiger als je zuvor. Wer sich heute für einen Beruf entscheidet und eine Stelle annimmt, muss davon ausgehen, in seinem Leben eine Vielzahl von Stationen zu absolvieren. Der Soziologe Richard Sennett schätzt, dass ein Amerikaner in 40 Arbeitsjahren mindestens elfmal seinen Job wechselt und sein Know-how mindestens dreimal erneuert.Der Grund dafür ist der "flexible Kapitalismus", der sich seit den 80er-Jahren auch in Deutschland ausbreitet: Die gesetzlichen Regulierungen gehen zurück, Hierarchien verflachen, die Arbeitsverhältnisse werden kürzer. Darin liegt die Chance, sich selbst zu verwirklichen, aber auch das Risiko, der Entwicklung nicht mehr folgen zu können. Nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung befinden sich mehr als ein Drittel aller Arbeitnehmer in Deutschland in einem auf Kurzfristigkeit angelegten Arbeitsverhältnis. Sie haben befristete Stellen, sind Leiharbeiter oder in Teilzeit beschäftigt.Lesen Sie hier Porträts von Menschen, die ihren Job neu erfunden haben.

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