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Monster
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Arbeiten in Fernost

"Ein Monster namens Job frisst uns alle auf"

Finn Mayer-Kuckuk
Lange Arbeitszeit, wenig Verantwortung – in China ordnet sich das Privatleben der Firma unter.
Für die Suche nach einem Ehemann hat Tina Feng keine Zeit. Schon lange muss sich die 34-Jährige von ihren Eltern fragen lassen, warum sie nicht verheiratet ist. "Ich lebe praktisch an meinem Arbeitsplatz", sagt die Einkaufsmanagerin eines Industriebetriebs am Rande von Peking.

Gemeint ist ihr Schreibtisch in einem Großraumbüro, der durch drei Stellwände von den Kollegen getrennt ist. "Oft muss ich bis zehn Uhr abends hier hocken." Mittags isst sie gratis in der firmeneigenen Kantine. "Klar, dass ich da keinen Mann kennenlerne", sagt Feng. Ihr Boss erwarte, dass sie ihr Privatleben der Firma opfert. Dazu weist er auf die vollen Auftragsbücher hin.

Das Job-Monster

So wie Tina Feng kennt die Mehrzahl der chinesischen Büroarbeiter die Balance zwischen Arbeits- und Privatleben allenfalls aus amerikanischen TV-Serien. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit liegt laut Regierung bei 55 Stunden. Viele Privatunternehmen gewähren über die gesetzlichen Feiertage hinaus keinen Urlaub. Wer krank wird, dem wird das Gehalt gekürzt.

Grund für die strengen Sitten ist der andauernde Wirtschaftsboom und der Arbeitskräftemangel – da muss jeder mitanpacken. Unabhängige Gewerkschaften sind verboten. Und so verbessern sich also nicht die Arbeitsbedingungen, sondern steigt meist nur das Gehalt. Kein Wunder, dass die Unzufriedenheit wächst. Im Internet finden sich Dutzende von Foren für gestresste chinesische Büroarbeiter. Das größte davon hat 40 000 Mitglieder. "Ein Monster namens Job frisst uns alle auf", klagt eines davon.

Anwesenheit absitzen

In einem typisch chinesischen Büro sieht es auch nicht allzu schön aus. Beleuchtet von Neonröhren stapeln sich bei Tina Feng Akten bis über ihren Kopf. Sonnenstrahlen ziehen Linien durch den Dunst im Raum – Rauchen ist erlaubt.

Ihren Chef empfindet Tina als eher streng. "Doch immerhin redet er mir nicht rein, sondern gibt nur die Resultate vor." Typische chinesische Abteilungsleiter dagegen überwachen ihre Untergebenen auf Schritt und Tritt. Deutsche Chefs in China empfinden Mitarbeiter oft als ineffizient. "Die warten darauf, dass man ihnen genau sagt, was sie machen sollen", klagt eine Firmenbesitzerin in Peking.

"Statt ihren Job so schnell wie möglich zu erledigen und nach Hause zu gehen, glauben viele, sie müssen unbedingt länger als der Chef bleiben", fährt sie fort. Arbeitszeitkonten oder Gleitzeit sind unbekannt. Arbeiten in China heißt eben vor allem: anwesend sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2013

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