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Absprung schaffen: Karriere nach dem Spitzensport
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Karriere nach Spitzensport

Ein Job ist das Ziel

Christian Wermke
Viele Athleten haben Probleme beim Sprung in die zweite Karriere. Die wenigsten finden nach dem Sport gute Jobs in der Wirtschaft. Auch, weil die Verbände zu wenig tun – und Betriebe nicht flexibel genug sind.
Ole Bischof hat ein schlechtes Gewissen, wenn er seine Geschichte erzählt. Dem Olympiasieger ist es fast peinlich, wie reibungslos bei ihm der Wechsel ins Berufsleben geklappt hat. Der Judoka holte Gold in Peking 2008, vier Jahre später Silber. Nur gut zwei Monate nach der Medaille von London fing er bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers an – als Volkswirt in der Exportfinanzierung. "Bei mir hat sich vieles gefügt", sagt der 35-Jährige. "Ich bin einer von ganz wenigen, die diesen Übergang glatt geschafft haben." Um den Weg von der Judomatte an den Schreibtisch zu meistern, hat er schon während der Sportlaufbahn VWL in Köln studiert – das schaffen die wenigsten nebenbei.

Schwerer Übergang

Viele Athleten fallen nach ihrer Sportkarriere in ein Loch. Sie arbeiten jahrelang fokussiert auf Weltmeisterschaften und Olympia hin – wie es danach beruflich weitergehen soll, blenden sie aus. Doch der letzte Wettkampf kommt schneller als gedacht, und die Zeitspanne des Berufslebens ist für Sportler die wesentlich längere.

Im Fußballland Deutschland haben es die Kicker noch am einfachsten: Wer sich geschickt anstellt, hat bereits als Profi ausgesorgt. Ein paar Spieler können im Anschluss auch bei ihren alten Vereinen oder in den Medien arbeiten – oder sie wechseln in die Wirtschaft, wie der Ex-Nationalspieler Christoph Metzelder, der seit 2013 Chef beim Sportableger der Marketingagentur Jung von Matt ist. Doch auch im Fußball bleiben zahllose Spieler auf der Strecke.

Sportler als Bereicherung

Abseits des Fußballs sind die Existenznöte erheblich größer. "Der Fußball hat eine solche Marktmacht, dass der olympische Sport immer weiter an den Rand gedrängt wird", sagt Ex-Judoka Ole Bischof. 91 Prozent der A-Kader-Athleten fühlen sich nicht auf das Leben nach dem Sport vorbereitet, hat eine Studie der Stiftung Deutsche Sporthilfe ergeben. Zwar versucht die Sporthilfe seit Jahren, die duale Karriere zu fördern – seit kurzem gibt es dazu auch eine Online-Praktikantenbörse für Spitzensportler. Doch für viele Athleten ist die Doppelbelastung aus Sport und Ausbildung wegen straffer Trainingspläne und weltweiter Wettkämpfe nicht zu schaffen. Und noch immer gibt es zu wenige Unternehmen, die flexible Arbeitszeitmodelle anbieten. Viele Sportler gehen daher zu Polizei, Bundeswehr oder Zoll, wo es spezielle Fördergruppen für sie gibt.

Dadurch geht der Wirtschaft viel Potenzial verloren, glaubt Ewald Manz von der Personalberatung Odgers Berndtson, die seit etwa einem Jahr versucht, Athleten in Lohn und Brot zu bringen. "Sportler sind fokussiert, ergebnisorientiert, sie haben einen tollen Teamspirit, gehen die Extrameile, sind mitreißend", sagt er. "Viel mehr Unternehmen sollten Sportler als Bereicherung sehen." Athleten könnten die berufliche Entwicklung nicht so exakt planen wie ihre Sportkarriere. "Da muss die Flexibilität von den Unternehmen kommen", sagt Manz.

Flexibler Arbeitgeber

Schwimmer Thomas Lurz hat Glück gehabt. Vor zwei Jahren hielt er einen Motivationsvortrag beim Bekleidungshersteller S.Oliver. Der Chef war begeistert. Seit Anfang 2013 ist Lurz nun schon fest angestellt in der Personalentwicklung tätig, kümmert sich ums Gesundheitsmanagement. Der 34-Jährige ist mehrmaliger Welt- und Europameister im Freiwasserschwimmen, 2012 holte er olympisches Silber. Das Besondere bei Lurz: Er ist noch aktiv, schwimmt 120 Kilometer in der Woche.

Morgens und nachmittags geht Lurz in die Schwimmhalle – davor, dazwischen und danach kann er arbeiten. "Mit dem Smartphone hat sich doch die ganze Arbeitswelt gewandelt", sagt Lurz. Bei S.Oliver gibt es Vertrauensarbeitszeit. Dadurch hat Lurz für seine sportliche Karriere freie Hand. "Leider ist das in Deutschland nicht der Standard", sagt er. Lurz studierte neben dem Sport Sozialpädagogik an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Bei der Planung seiner zweiten Karriere war er allerdings auf sich allein gestellt. "Die Sportverbände tun nichts", sagt Lurz. Das gehe runter bis in die Ortsverbände. "Jeder Verband müsste eine eigene Karriereabteilung gründen." Andere Länder würden es längst so machen.

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