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Interview Rudolf Wötzel

"Die Wildnis lehrt Demut"

Til Knipper
Rudolf Wötzel war Investmentbanker, jagte Boni hinterher, sammelte Statussymbole - und hatte genug. In einer Auszeit lief er von Salzburg nach Nizza und fand zu sich selbst. Sein neuestes Projekt: Wötzel will eine Berghütte führen.
Rudolf Wötzel auf einer AlmhütteFoto: © PR
Herr Wötzel, Sie haben 2007 Ihren Job als Investmentbanker gekündigt, um durch die Alpen zu wandern. Sie haben die Route akribisch geplant und das Ganze nach Bankerart "Projekt Hannibal" genannt. Wie sah die körperliche Vorbereitung aus?
Dafür war nicht so viel Zeit. Zum 1.April 2007 bin ich bei Lehman ausgestiegen und am 22. Mai losgegangen. In der Zwischenzeit bin ich laufen gegangen und habe eine Skitour gemacht. Ich hatte aber gerade am Anfang auch viele Ruhetage eingeplant.
Sie haben von Salzburg nach Nizza in 120 Etappen 129 Gipfel bestiegen, davon 33 Viertausender und 65 Dreitausender. Haben Sie eigentlich auch gezählt, wie viele Weißbier Sie getrunken haben?
Nein, aber wenn ich das hochrechne waren es wahrscheinlich zwei pro Tag.

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Am Anfang war das schon eine Art Treibstoff? 
Ja, das lag aber auch an der Jahreszeit. Im Sommer nach einer Wanderung Weißbier trinken - besser geht es nicht. Als ich mich dann dem französischen Sprachraum näherte und es herbstlicher wurde, bin ich auf Rotwein umgestiegen.
Wussten Sie zu Beginn Ihrer Tour, dass Sie nicht in Ihren alten Job zurückkehren werden? 
Nein, überhaupt nicht. Ich hatte das als halbjähriges Sabbatical geplant. Ich habe sogar kurz vor der Abreise noch Bewerbungsgespräche geführt. Die haben aber zu nichts geführt, so dass ich ohne feste Anstellung für die Zeit danach gestartet bin.
Wann haben Sie entschieden auszusteigen? 
Das war eine graduelle Entwicklung. Insofern war es auch wichtig, dass ich keinen Anschlussjob hatte. Das hat mir erlaubt, in alle Richtungen zu denken, was ich mit meinem Leben sonst noch anfangen könnte.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Reise immer mehr "zum Weg zu mir selbst" wurde. Was hatten Sie denn vorher erwartet?
Ich hatte deutliche Burnout-Syndrome und wollte die Batterien aufladen, wieder fit werden, um dann weiter zu arbeiten. Deswegen stand zunächst das Abenteuer im Vordergrund und nicht so sehr die innere Reise.
Es klingt aber etwas klischeehaft, wenn Sie schreiben, dass die Natur empfänglich macht für "Friede und Freuden". Warum ist das so?
Große Teile der Alpen sind noch echte Wildnis. Da haben Sie keine menschlichen Konstrukte im Blickfeld, keine Häuser, keine Straßen, keine Konsumartikel. Dadurch fällt der Wunsch, immer mithalten zu müssen, weg. Außerdem hat die wilde Natur eine unheimliche Kraft: Steinschlag, Lawinen, Gletscherspalten, Wetterumschwünge weisen einen schnell in die Schranken. Man kann nichts übers Knie brechen und wird demütiger.
Haben Sie diese Demut nur von der Natur gelernt oder auch von den Menschen dort? 
Von beidem. Die Bergmenschen ticken natürlich komplett anders als die Karrieristen aus meinem vorherigen Umfeld in der Bank. Sie sind schicksalsergebener. Beim Bergsteigen lernen Sie schnell, dass man wirklich zusammenarbeiten muss. Politisches Verhalten in der Seilschaft bringt alle am Berg schnell in Lebensgefahr.
Und in der Bankerseilschaft wird der Steinschlag auch mal absichtlich ausgelöst?
Ja, um ein paar von der Karriereleiter zu entfernen. Es gibt aber auch Bergsteiger, die auf Egotrips von Gipfel zu Gipfel zu stürmen.
Im Buch wechseln Sie immer in die dritte Person, wenn Sie über die Zeit als Banker schreiben, um sich zu distanzieren. Warum machen Sie das auch, wenn Sie über Ihre Jugend berichten?
Die Art und Weise, wie ich Karriere gemacht habe, ist untrennbar mit einer jugendlichen Prägung verbunden. Schon in der Schule und auch zu Hause wird immer derselbe Motivationstrick angewendet. Man nimmt jungen Menschen das Selbstwertgefühl und die Anerkennung, die sie aus sich selbst nähren, weg und fügt sie von außen wieder zu. Wann? Wenn sie Leistung bringen. Schon hängt man dran am System. Deswegen sind extrem karriereorientierte Menschen häufig extrem unsicher und haben ein übermäßiges Bedürfnis nach Anerkennung. Das macht sich das System zunutze.
Aber muss es nicht auch Leute geben, die immer an die Spitze drängen, und sei es nur, um Anerkennung zu bekommen? 
Doch, es gibt ja auch Leute, die das glücklich macht. Aber es schadet nicht, sich die Mechanismen des Systems zu vergegenwärtigen, die einen abhängig, reizbar und aggressiv machen. Man wird dann auch besser mit Rückschlägen fertig, die es immer gibt. So gibt es immer wieder Leute, die bei einem Karriereknick völlig irrational handeln, sich scheiden lassen, in schwere Depressionen verfallen oder gar Suizid begehen.

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