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Elternzeit

"Die Väter robben sich langsam heran"

Zeit.de/Tina Groll
Noch immer nutzen nur wenige Väter die Elternzeit. Laut aktueller Studie tasten sie sich nur langsam heran. Soziologin Svenja Pfahl erklärt, wieso aber gerade Männer der bürgerlichen Mitte in Elternzeit gehen und welche Vorteile die Auszeit für den Job bringt.
Viele Väter wollen mehr Zeit mit ihrem Kind verbringenFoto: © Albert Schleich - Fotolia.com
Frau Pfahl, in Ihrer Studie findet sich immer wieder das Wort Care-Verantwortung. Das klingt freundlicher und leichter als Familienarbeit. Deutet das neue Wort etwa einen Paradigmenwechsel an?
Der Begriff symbolisiert zumindest ein neues Bewusstsein: Die Fürsorge für die Familie wird nicht mehr länger nur als eine Phase im Leben einer Frau wahrgenommen. Care-Verantwortung meint nicht nur, dass sich Mütter um kleine Babys kümmern. Der Begriff meint den gesamten Bereich der Fürsorge für Familie. Dazu zählt auch die Pflege von Angehörigen. Es sind Themen, die jeden irgendwann in seinem Leben betreffen. Es geht um eine große Frage der Lebenslaufgestaltung von Frauen und Männern.
Sie sagen es: Es geht um Männer, die Familie als Teil ihrer Lebensaufgabe verstehen. Kann man ausmachen, wann dieser Bewusstseinswandel eingesetzt hat?
Das ist schon viele Jahre der Fall. Viele Männer finden sich in dem traditionellen Ernährermodell nicht mehr wieder. Männer setzen sich aktiv mit ihrer Rolle als Vater auseinander und haben den Wunsch, intensiv Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Aber die Erwerbsarbeit hat enge Strukturen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen hinkten lange hinter der Lebensrealität der meisten Männer hinterher. Die Einführung des neuen Elterngelds im Jahr 2007 hat nun mit einem großen Schritt einiges verändert. Es sind jetzt nicht mehr nur postmoderne Väter, sondern ganz normale Männer in der Mitte der Gesellschaft, die eine Zeit lang aus dem Beruf aussteigen, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

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Wobei man ja nun nicht sagen kann, dass die Mehrheit der Väter auch intensiv Gebrauch von dieser Möglichkeit macht...
Man kann aber auch keine gigantischen Sprünge erwarten. Vor 2007 nahmen 3,5 Prozent der Väter Elternzeit, jetzt sind es immerhin 18 Prozent und ein weiterer Anstieg ist zu erwarten.
Was sind das für Väter?
Das haben wir versucht mit unserer Studie herauszufinden. Bislang hielt sich hartnäckig das Bild, dass es Akademiker in Großstädten sind. Aber das Bild ist differenzierter. 32 Prozent von ihnen leben in Kleinstädten und auf dem Land. Viele von ihnen sind konservativ. Sie sind Teil der bürgerlichen Mitte. Diesen Männern bedeutet Familie viel, sie möchten ein engagierter Vater sein. Ein großer Teil arbeitet als Angestellte und Beamte, als Ingenieure und in großen Unternehmen. Aber auch Mitarbeiter von kleinen Unternehmen sind darunter.
Welches der Ergebnisse Ihrer Studie hat Sie am meisten überrascht?
Dass immerhin 19 Prozent der Väter nach der Rückkehr in den Job ihre Arbeitszeit um rund ein Fünftel reduziert. Es ist eine neue Generation von Männern, die aktiv Gebrauch von Teilzeit- und auch Telearbeitsangeboten machen und sie fordern diese in ihren Betrieben auch aktiv ein. Sie setzen sich dafür ein, dass die Arbeit familienfreundlicher gestaltet wird, dass zum Beispiel Besprechungen erst ab 9 Uhr stattfinden, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten gebracht haben. Sie wollen, dass Dienstreisen, Abendtermine, Wochenendarbeit und Überstunden im Rahmen bleiben. Einige dieser Väter stellen infrage, warum ihnen wegen der Elternzeit der jährliche Urlaubsanspruch oder die Sonderprämie gekürzt wird. Das sind alles Dinge, auf welche die Unternehmen reagieren und reagieren müssen, die aber von den Müttern schon gar nicht mehr hinterfragt wurden.

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