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Berufsunfähigkeitsschutz

Die richtige Versicherung: Wer braucht welche?

Ulrike Heitze
Berufsunfähigkeitsschutz muss sein. Doch die Aufnahmepolitik der Versicherer wird immer rigider. Junge Karriere stellt Alternativen für Abgewiesene vor.
Ein Unfall? Die richtige Versicherung ist jetzt wichtigFoto: © Podfoto - Fotolia.com
"S.O.S., ich brauche dringend eure Hilfe! Ich habe einen Probeantrag für eine BU-Versicherung eingereicht und die Versicherung hat mich wegen der Vorerkrankungen abgelehnt. Weiß jemand Rat?" Auf den Hilferuf von "Babalou" im Selbsthilfe-Forum Wer-weiss-was hagelte es nicht nur Dutzende guter Ratschläge, sondern ebenso viele Solidaritätsbekundungen von Leuten, die bereits ähnlich erfolglos versucht hatten, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen.Während die Einschnitte im Sozialsystem die Berufstätigen zur privaten Absicherung im Falle von Erwerbsunfähigkeit zwingen, setzen die Versicherungsunternehmen die Eintrittshürden für ihre BU-Policen immer höher. Bewerber, die Vorerkrankungen, heikle Jobs oder gefährliche Hobbys haben, müssen oft Preisaufschläge und Ausschlussklauseln hinnehmen. Wenn sie überhaupt versichert werden: Knapp 13 Prozent aller Anfragenden werden komplett abgelehnt.

Die besten Jobs von allen

Griff zur B-LösungWer bei klassischen BU-Versicherungen wiederholt abgewiesen wird, braucht Alternativen, will er im Fall von Invalidität nicht mittellos dastehen: Sie nennen sich Dread Disease, Erwerbsunfähigkeits-, Grundfähigkeits- oder Unfallversicherung. "Brillante Lösungen sind das alles nicht", sagt Versicherungsberater Helge Kühl. "Aber immer noch besser als nichts."Das größte Manko der BU-Alternativen besteht darin, dass sie originär nicht dafür konstruiert sind, jenes Risiko abzusichern, das entsteht, wenn ein Arbeitnehmer seinen aktuellen Beruf nicht mehr ausüben kann und die Einnahmen ausbleiben. Stattdessen sichern sie Risikobereiche wie Krankheiten oder Unfälle ab und erwischen damit nur Teilbereiche einer Berufsunfähigkeit. Dafür werden Risikogruppen hier eher und oft günstiger angenommen als in der BU-Versicherung.Abgespeckt: Die EU-VersicherungenErwerbsunfähigkeitsversicherungen sind gleichsam BU-Policen auf Diät. Sie kosten etwa die Hälfte, sichern aber auch nur die totale Arbeitsunfähigkeit ab. Im Gegensatz zur BU, bei der der Versicherte bereits Leistungen erhält, wenn er einen bestimmten Beruf nicht mehr voll ausüben kann, tritt die EU nur dann mit einer monatlichen Rente ein, wenn der Berufstätige überhaupt nicht mehr regelmäßig arbeiten kann. Wer dagegen noch fit genug ist, zwei, drei Stunden pro Tag an einer Parkhauskasse zu sitzen, geht leer aus - und zwar unabhängig davon, ob er einen solchen Job bekommt oder nicht.EU-Policen gibt es als Einzelpolice, als Zusatz zu einer Risikolebensversicherung oder gekoppelt mit einer Kapitallebensversicherung, wovon Experten wegen der unglücklichen Verquickung eines Risikoprodukts mit einem Sparprodukt und miserabler Renditen abraten.Auf dem Vormarsch sind EU-/BU- Kombis, die zum Beispiel Aspecta online offeriert: Für die ersten drei Jahre der Arbeitsunfähigkeit nimmt die Police wie eine normale BU den tatsächlichen Beruf als Maßstab, zahlt später aber nur dann, wenn der Versicherte gar nicht mehr arbeiten kann. Das verschafft einem Kranken fürs Erste finanziell Luft, sodass ihm Zeit bleibt, sich beruflich neu zu orientieren. Die Beiträge werden wie bei der BU nach Alter, Geschlecht, Beruf und Gesundheitszustand kalkuliert.Vorteile: Anders als andere BU-Alternativen kann man sich mit einer EU-Police unmittelbar gegen den Verlust seiner Arbeitskraft versichern und muss sich nicht auf einzelne Risiken wie Unfall oder Krankheit beschränken. Darüber hinaus liegt die Latte bei der Gesundheitsprüfung nicht so hoch wie bei der BU, und die Police ist deutlich billiger.Nachteile: Die Leistungswahrscheinlichkeit einer EU-Versicherung ist geringer als bei einer BU. Schlechte Karten hätte etwa ein Arzt, der nach einem Bandscheibenvorfall nicht mehr operieren kann, aber noch Tickets abreißen könnte. Ebenso ein Lehrer, der den Belastungen des Unterrichts nicht mehr standhält, aber noch Büropost verteilen könnte. Gerade gut Ausgebildete und Besserverdiener müssen ein gewaltiges Gefälle in Jobniveau und Einkommen einkalkulieren, bevor die Police überhaupt greift.
Selektiv:
Dread-DiseaseDie "Schlimme-Krankheiten"-Police boomt bei unseren Nachbarn in Großbritannien. Hierzulande ist das Angebot noch übersichtlich: Versicherungen wie Skandia, Canada Life, Gothaer, DBV-Winterthur, AMB Generali und LV 1871 haben Dread-Disease-Policen im Programm, doch die Zahl der Anbieter steigt. Neben Vollpolicen erwarten Marktexperten wie Katrin Bornberg von der Rating-Agentur Franke & Bornberg für die nächsten Jahre auch immer mehr Kombi-Produkte, die einen abgespeckten BU/EU-Schutz plus Dread-Disease-(DD-)Bausteinen offerieren.Eine DD-Police versichert gegen das Risiko einer schweren Erkrankung. Gezahlt wird bei entsprechendem ärztlichen Nachweis in der Regel eine einmalige Summe, vereinzelt sind auch Rentenlösungen zu haben. Zwei Varianten sind üblich: Der Basisschutz tritt etwa bei Herzinfarkt, HIV, Krebs, Multiple Sklerose, Nierenversagen oder Schlaganfall ein, der teurere Komfortkatalog versichert auch Alzheimer, Parkinson, schwere Unfälle oder Komafälle. Das komplette Paket kostet fast so viel wie eine BU-Police. Canada Life etwa kalkuliert eine 250.000-Euro-Police für einen 35-Jährigen mit knapp 83 Euro Beitrag pro Monat.Vorteile: Dread-Disease-Versicherungen sind einfach gestrickt - der Arzt diagnostiziert, die Versicherung zahlt. Der Kranke muss sich nicht streiten, ob und wie viel er noch arbeiten kann, denn das ist für die Police ohne Belang. Wer einen bei BU-Versicherern unbeliebten Beruf wie etwa Musiker oder Chirurg ausübt oder Vorerkrankungen mitbringt, hat bei einer DD-Police bessere Aufnahmechancen als bei einer BU.Nachteile: Die Unternehmen spielen geschickt mit dem Schrecken: Krebs und Herzinfarkt hören sich zwar dramatisch an, oft können die Betroffenen nach der Behandlung aber weitgehend normal weiterarbeiten. Und wer vorübergehend durch eine solche Krankheit ausfällt, ist derzeit über die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung recht gut abgesichert: Durch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall halten sich die Einkommenseinbußen in Grenzen. Über den Geldsegen aus der Police kann man sich zwar freuen, nötig ist er nicht, zumal die Beiträge nicht niedrig sind.Größer ist das Risiko bei dauerhaft krankheitsbedingtem Ausfall. Oft reicht das ausgezahlte Kapital nicht für den Rest des Berufslebens aus. Als Vabanque-Spiel entpuppt sich auch der Krankheitenkatalog. Ist die Erkrankung, die einen erwerbsunfähig macht, nicht enthalten, guckt der Versicherte in die Röhre. Und die derzeitigen Hauptursachen fürs Ausscheiden - Psyche, Rücken, Verschleiß - sind nicht oder nur unzureichend auf den Dread-Disease-Listen geführt.Neu: GrundfähigkeitsversicherungNoch frisch auf dem Markt sind so genannte Grundfähigkeitsversicherungen. Als Vollversicherung für Jüngere hat Canada Life sie zurzeit im Programm, Swiss Life bietet sie in einem nicht billigen Luxus-Paket mit einer EU- und Dread-Disease-Police an. Der Vertrag sieht eine monatliche Rentenzahlung vor, wenn der Versicherte elementare Körperfunktionen durch Krankheit, Alter oder Unfall verliert. Die Versicherer führen in der Regel zwei Listen: Eine mit schweren Beeinträchtigungen wie dem Verlust des Seh- oder Sprechvermögens, Orientierungslosigkeit oder das Versagen der Hände, und eine mit leichteren Defekten wie dem Verlust des Gehörs oder der Fähigkeit zu gehen oder zu sitzen. Ereilt den Versicherten ein schweres oder drei leichte Gebrechen, gibt´s Geld. Vorausgesetzt, der Schaden ist für "voraussichtlich mindestens ein Jahr" diagnostiziert.Vorteile: Grundfähigkeitsversicherungen sind denkbar einfach konstruiert, sie sind für Vorerkrankte und ungern gesehene Berufe leichter zu bekommen und etwas günstiger als eine BU.Nachteile: Wie bei der BU-Versicherung kann einem das Kleingedruckte übel mitspielen. So gibt es nur Geld, wenn der Versicherte nicht mehr ein einziges verständliches Wort rausbringt - in vielen Berufen kann aber auch schon langsames Sprechen wie nach einem Schlaganfall das Karriere-Aus bedeuten. Psychische Probleme sind überhaupt nicht vorgesehen. Und leidet man "nur" an einem leichteren Gebrechen, das gleichwohl den Job kosten kann, braucht es zwei weitere Ausfälle, bevor die Versicherung greift.Umgekehrt kann es passieren, dass eine Rente gezahlt wird, obwohl man voll weiterarbeiten kann, weil sich der Job beispielsweise auch im Rollstuhl bewerkstelligen lässt. Das Geld ist zwar nützlich beim Umrüsten der Wohnung und anderem Zusatzaufwand. Am Kernziel - einen möglichen Verlust der Arbeitskraft zu kompensieren - geht die Police aber vorbei.Tricky: UnfallversicherungDiese Police ist ein Verkaufsschlager: Fast die Hälfte aller Deutschen leistet sich eine. Gleichzeitig ist sie ein Musterbeispiel für die Cleverness der Versicherer, denn richtig überzeugen kann die Police nicht.
Eine private Unfallversicherung springt ein, wenn der Versicherte durch einen Unfall im privaten Umfeld bleibende Schäden davonträgt. In der Regel wird einmalig eine bestimmte Summe ausgezahlt, gegen Aufpreis ist auch die Erweiterung auf eine lebenslange Rente möglich.
Die Höhe der Entschädigung bemisst sich nach der so genannten Gliedertaxe: Verliert der Versicherte ein Bein, gibt's zum Beispiel 70 Prozent der Versicherungssumme, ein Auge ist 50 Prozent wert, ein Daumen 20 Prozent. Angesichts dieser Staffeln sollte die Versicherungssumme über 100.000 Euro liegen.Sinnvoll ist das Dazubuchen eines so genannten Progressionstarifs: Dabei steigt die Versicherungssumme an, je höher der Schaden ausfällt. Ein Bein würde dann beispielsweise nicht mit 70.000 Euro entschädigt, sondern mit einem Vielfachen davon. Eine 100.000-Euro-Police mit Progressionstarif ist für Gesunde schon ab 100 Euro pro Jahr zu haben, Vorerkrankte sind mit 200 bis 300 Euro dabei. Der Preis sollte allerdings weniger den Ausschlag geben als die Vertragsbedingungen. Gern angepriesene Zusätze wie Kranken(haus)tagegeld sollten Versicherte bei Bedarf besser über eine private Krankenzusatzversicherung als über den Unfalltarif abschließen, denn dort gibt's das Geld auch bei Krankheit und nicht nur bei Unfall.Vorteile: Unfallversicherungen sind günstig und trotz Vorerkrankungen leicht zu ergattern. Im Schadensfall kann der Kranke nötige Umbauten oder andere Zusatzausgaben finanzieren.Nachteile: Die Policen decken lediglich einen winzigen Teil des Risikos der Berufsunfähigkeit ab, denn nur rund fünf Prozent aller Invaliditäten gehen auf einen Unfall zurück. Und stößt einem Arbeitnehmer im Job etwas zu, greift die private Police ebenfalls nicht - stattdessen springt die ohnehin obligatorische gesetzliche Unfallversicherung ein. Je nach Schwere der Behinderung reicht die Kapitalauszahlung möglicherweise nicht aus, um die verlorene Arbeitskraft dauerhaft zu kompensieren.Gemischte BilanzWelche dieser Notlösungen für einen Arbeitnehmer die beste Alternative zur BU-Versicherung ist, hängt von Job, Familiensituation und Geldbeutel ab sowie von seiner Risikobereitschaft und Flexibilität im Invaliditätsfall. So kommt der ungebundene, anspruchslose Lebenskünstler mit reicher Verwandtschaft mit einem weniger dicht gewobenen Netz wohl besser klar als ein Alleinverdiener mit Familie und kreditfinanziertem Häuschen. Hier kann unter Umständen sogar eine Kombination aus mehreren Produkten nützlich - aber auch teuer - sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.04.2006

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