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Informationstechnologie

Die Jobperspektive für junge Informatiker

Kirstin von Elm
Ohne Informatiker läuft nichts in Wirtschaft und Wissenschaft. Die IT-Branche ist ein Innovationsmotor, und während des weltgrößten Branchentreffs auf der CeBIT 2008 haben die Aussteller zahlreiche Jobs zu vergeben. Doch trotz bester Perspektiven fehlt der Nachwuchs. Vor allem Akademiker werden gesucht.
DIe Zukunft liegt in der IT-BrancheFoto: © Sonja Winzer www.Bildbouquet.de
"Bist du noch zu haben?", wollte der Anrufer von Alexander Scholz wissen. Am Telefon war der Betreuer seiner Diplomarbeit - mit einem ziemlich verlockenden Jobangebot: Der Chiphersteller Philips Semiconductors in Dresden, heute NXP Semiconductors, suchte einen jungen Datenfunkspezialisten. Der niederländische Konzern, der weltweit zu den zehn größten Halbleiterherstellern zählt, entwickelt in Dresden Chips für den drahtlosen Datenverkehr von PCs und Mini-Computern per Wireless-LAN (WLAN). Alexander Scholz musste nicht lange überlegen: "Ich wollte von Anfang an unbedingt an kabellosen Übertragungstechnologien arbeiten und habe mein ganzes Studium darauf ausgerichtet. Wenn dann ein Angebot von Philips kommt, sagt man natürlich nicht Nein."Informatiker werden in allen Branchen gesucht

Die besten Jobs von allen

Dabei war der junge Diplom-Informatiker eigentlich schon vergeben. Direkt nach seinem Studium an der Technischen Universität Dresden startete er im Juli 2005 zunächst als Technologieberater bei einem polnischen High-Tech-Unternehmen, das unter anderem Software für osteuropäische Mobilfunknetze entwickelt. Nach drei Monaten Einarbeitungszeit in Krakau schickte man den Deutschen allerdings zurück nach Hause, um in Dresden eine Niederlassung aufzubauen. "Es ging vor allem darum, neue Aufträge zu akquirieren und Kundenservice zu bieten. Ich wollte aber lieber an innovativen Technologien mitarbeiten", sagt der 26-Jährige.Da ist Scholz bei NXP richtig. Gleich bei seinem Einstieg vor zwei Jahren half er bei der Entwicklung des bis dato kleinsten WLAN-Chips der Welt mit. In seinem aktuellen Projekt geht es um den neuen Mobilfunkstandard Long Term Evolution, der mit enormen Übertragungsraten den bisherigen UMTS-Multimediafunk der Handy-Netzbetreiber ablösen soll. "Sehr elektrotechnisch" seien die neuen Aufgaben, sagt Alexander Scholz und fügt schmunzelnd hinzu: "Obwohl ich das an der Uni als Nebenfach hatte, muss ich ein paar ganz schön harte Nüsse knacken."
Foto: © Junge Karriere
Aber nicht nur die High-Tech-Industrie sucht junge IT-Profis, die für den technischen Fortschritt knifflige Aufgaben lösen. "Quer durch alle Branchen ist die Informations- und Kommunikationstechnologie der Innovationsmotor Nummer eins", sagt Wolfgang Wahlster. Der Informatik-Professor leitet das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Weltweit gilt das Institut als eine der führenden wirtschaftsnahen Forschungseinrichtungen für Softwaretechnologien. Das Wissen des renommierten Forschers ist gefragt. Er tauscht sich zum Beispiel im Strategiekreis des Bundesforschungsministeriums mit der Führungsriege der deutschen Wirtschaft aus.Daher weiß Wahlster auch, dass in wichtigen Branchen wie der Automobilindustrie, der Medizintechnik oder der Logistik inzwischen mehr als 80 Prozent der Innovationen durch die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) getrieben sind. Wichtige Impulsgeber für die Zukunft sind zum Beispiel innovative Software- und Elektroniksysteme, neue Netztechnologien oder elektronisches Wissensmanagement, berichtet er. Um bessere Leistungen schneller und kostengünstiger anzubieten, sind Unternehmen zunehmend auf IT angewiesen. Das beschert nicht nur der Softwareindustrie oder den auf High-Tech spezialisierten Beratungshäusern volle Auftragsbücher, sondern auch Personalvermittlern: "Die Job-Perspektiven für IT-Fachkräfte sind so gut wie seit Jahren nicht mehr", sagt August-Wilhelm Scheer, Präsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom).In Deutschland ist der Arbeitsmarkt für IT-Spezialisten leer gefegtBei der jüngsten Bitkom-Branchenumfrage meldeten rund 60 Prozent der deutschen IKT-Unternehmen offene Stellen. Das ergibt unterm Strich rund 18000 freie Jobs. Dazu kommen weitere 25000 unbesetzte Positionen bei Anwenderunternehmen aller Branchen. Insbesondere sucht der Handel, aber auch private Dienstleister wie Banken und Versicherungen brauchen Leute. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen ohne zugkräftige Markennamen hätten zunehmend Probleme, ihren Bedarf an IT-Spezialisten zu decken. "Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt", klagt Bitkom-Präsident Scheer.Vor allem Akademiker werden knapp. Drei von vier ausgeschriebenen Stellen in der IKT-Branche erfordern einen fachlich relevanten Universitäts- oder Fachhochschulabschluss (siehe Grafik S. 64). Doch ein Studium der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik können hierzulande laut OECD-Bildungsbericht von 1000 Beschäftigten gerade einmal zwei aufweisen. Damit liegt Deutschland weit hinter Ländern wie Polen, Finnland, Südkorea oder Irland. Unternehmen dort kommen immerhin auf eine Quote von jeweils fünf pro 1000 Beschäftigten.Kontakte knüpfenTrotz bester Job-Perspektiven werden aber hierzulande die Schlangen vor den Immatrikulationsbüros der technischen Fakultäten seit Jahren immer kürzer. Im Boomjahr 2000 schrieben sich in Deutschland rund 38000 Studenten für ein Informatikstudium ein, 2006 waren es nur noch knapp 28500.
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Das ist ein Minus von 25 Prozent. Erwartet wird, dass künftig auch die Zahl der Absolventen fällt - von 15360 im Prüfungsjahr 2006 auf unter 14000 in 2010. Kein Wunder also, wenn talentierte Nachwuchskräfte wie Alexander Scholz von der Branche umworben werden. Kontakte zu neuen Mitarbeitern zu knüpfen, ist auf der CeBIT 2008 - dem jährlichen Weltgipfel der ITK-Branche in Hannover - für viele der rund 6500 Aussteller erklärtes Ziel. Personalverantwortliche gehören immer öfter zur Standbesetzung.

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