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Schluss mit der Sprachlosigkeit
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Sprachlosigkeit der Wirtschaft

"Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meines Erfolgs"

von Christopher Schwarz, wiwo.de
Führungsfähigkeit beruht auf Sprachfähigkeit. Doch in den Unternehmen verkümmere die Sprache, sagt Philosoph Jürgen Werner: Die meisten Manager reden fantasiefrei.
Herr Werner, kann es sein, dass Sie ein gestörtes Verhältnis zu Zahlen haben?

Wie kommen Sie darauf?

Weil Sie in Ihrem Buch "Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens" in einem Kapitel über die Sprache der Wirtschaft schreiben: "Die Herrschaft der Zahlen hat dazu geführt, dass Buchstaben sich nicht mehr wie Buchstaben verhalten, sondern wie Zahlen." Das müssen Sie erklären.

Damit bezeichne ich einen imperialistischen Anspruch. Nicht die Zahlen sind das Problem. Aber deren Herrschaft. Vor allem in Lebenswelten, in denen sie ihr Talent, genau zu sein, gar nicht recht ausspielen können.

Und zu diesen Lebenswelten zählen Sie auch die Wirtschaft?

Selbstverständlich. Wirtschaft erschöpft sich nicht in Zahlenreihen. In Unternehmen haben wir es nicht zuletzt damit zu tun, dass sich Menschen finden, um etwas Neues zu schaffen, um qualitative Werte zu bilden. Sie sind gesellschaftliche Gebilde, kommunikative Kraftzentren, in denen es auch zu überzeugen gilt, wo ich mich nicht auf präzise Daten berufen kann. Man kann sie nicht nur über "Financials" steuern. Nicht ich habe also ein gestörtes Verhältnis zu Zahlen, aber die Zahlen stören manchmal die Verhältnisse.

Was ist das überhaupt, Sprache der Zahlen, und warum ist sie so erfolgreich?

Diese Sprache ist geprägt vom Vergleich. Da wird gewogen, eingeschätzt, abgegrenzt. Die Welt erscheint in ihr auf eine faszinierende Weise beherrschbar und berechenbar. Besser oder schlechter bedeutet da nur: Verkauft sich das Produkt gut? Hat ein Mitarbeiter seine Leistung gesteigert? Ist der Aktienkurs gestiegen?

Wo ist das Problem?

In Wahrheit handelt es sich um eine Scheinsicherheit. Zahlen erzählen nichts. Oft verbergen sie sogar, wie sie entstanden sind. Und in jedem Fall verraten sie seltener, als man denkt, wie man zu handeln hat. Aber sie suggerieren, dass man alles im Griff hat. Das ist für einen Manager höchst attraktiv. Dabei verarmt, ja verkümmert seine Sprache. Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos und fantasiefrei.

Woran erkennen Sie das?

Am Siegeszug des mechanischen Jargons. Die Liebe zu gestanzten Formeln – auch das ein Sprachbild aus der Mechanik – scheint nicht abzukühlen, selbst in Zeiten, da wir längst mit sehr viel komplexeren Phänomenen zu tun haben. Solche einfachen Wendungen, wie "eng takten" oder "das Momentum ausnutzen", stammen aus einer Welt, in der sich über analytische Schärfe und Effizienzorientierung äußerst befriedigende Resultate erzielen lassen.

Sie meinen, die Wörter scheinen ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein?

Ja, man redet von "Werthebeln" gerade so, als lebten wir noch im Zeitalter der Schwerindustrie. Eine der prominentesten Metaphern ist die "Stellschraube", an der gedreht werden müsse, damit das Ganze einer Organisation funktioniert, eine Vokabel aus der Ingenieursprache. Die Stellschraube heißt ja so, weil man damit etwas feinjustieren kann. Es geht also um Steuerung. Aber die meisten, die das Wort benutzen, meinen, es müsse etwas fester gezogen werden, weil es zu locker sitzt.

Das heißt, man denkt gar nicht mehr über den Sinn des Wortes nach.

Das führt dann manchmal dazu, dass die Metaphern völlig verrutschen. Mir jedenfalls fehlt die Vorstellung, was ein Satz bedeuten soll, in dem es heißt: "Damit die Energiewende ein Erfolg wird, müssen viele Weichen und Stellschrauben klug verzahnt werden." Unsinnlicher und unsinniger lässt sich kaum reden. Beim Bemühen, die Angelegenheit möglichst klar auszudrücken, wird sie trübe. Mich interessiert, was jemand denkt, wenn er so formuliert.

Aber warum kann sich dieser Jargon ausbreiten, sodass in Unternehmen bis in die unteren Kader "aufgegleist" wird?

Allgemein: weil Sprache etwas Infektiöses hat, weil man sie durch Nachahmung lernt. Im Besonderen: weil offensichtlich innerhalb eines Unternehmens das Bedürfnis nach Sicherheit so groß ist, dass man es über Floskeln befriedigen kann, welche die Welt als eine zeigen, die sich einfach handhaben lässt. Die Botschaft lautet: Es muss nichts schiefgehen, solange man sich nur an wenige schlichte Regeln hält.

Was ist daran schlecht?

Ich bin kein Stilkritiker. Aber ich glaube, empfindsam zu sein für die Vorstellungen vom Leben und der Welt, die sich in unseren Wörtern zeigen. Und die wir mit diesen Wörtern, oft unwillkürlich, vermitteln. In der Art, wie wir reden, öffnen wir Räume, schaffen Atmosphären oder vergiften sie. In der Sprache der Mechanik ist die vorherrschende Idee die der Kontrolle.

Und deswegen ist sie so verführerisch?

Genau, selbst das Vertrauen, also das Gegenteil des Überprüfbaren, wird funktionalisiert: Es soll wieder hergestellt werden können, als handele es sich um ein defektes Standardbauteil. Das klappt freilich nicht. Vertrauen lässt sich nicht herstellen. Es stellt sich allenfalls ein.

Manchmal hat man den Eindruck, die Sprache der Wirtschaft solle Tatsachen beschönigen, vor allem wenn es um unangenehme Wahrheiten geht.

Wenn Manager davon reden, dass sie "strukturelle Anpassungen" im Unternehmen vornehmen müssen, ist das allerdings kaum noch ein Geheimcode. Jeder weiß, was die Stunde geschlagen hat. Geradezu begeistert klingt das "Freisetzen" von Mitarbeitern. Als hätten hier Wesen jahrelang eingesperrt gehaust in einer wenig artgerechten Umgebung und dürften nun endlich hinaus ins lockende Freie. Das erinnert an das Huhn, das bisher in der Legebatterie täglich sein Ei produzieren musste und jetzt auf dem Hof wieder nach Gutdünken Körner picken darf.

Blanker Zynismus?

Struktureller Zynismus. Da unterstelle ich keinem persönliche Absichten. Wer so redet, verrät unwillkürlich, wie wirklichkeitsfremd er agiert. Oder hilflos. Nehmen Sie die pompöse Rede vom "Strategiewechsel", der in Unternehmen erstaunlich häufig stattfindet – eigentlich verwunderlich, da Strategien sich dadurch auszeichnen, dass sie langfristig angesetzte Szenarien abbilden. Nur weil die Geduld, auf ein gutes Ergebnis zu warten, schnell aufgebraucht ist, wird ein großes Wort genommen, das etwas ganz Kleines bezeichnet: Willkür. Dann hilft es auch nicht, wenn man "proaktiv", gemeint ist wohl: von sich aus miteinander spricht, weil ohnehin keiner genau weiß, wo es langgeht. Statt zu sagen: Es war falsch, heißt es: Wir wechseln die Strategie. Mit der Folge, dass Mitarbeiter verwirrt sind.

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