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Geowissenschaften

Die Erforscher der Erde

Sabine Scheltwort
Geowissenschaftler geworden - und jetzt? Ein klares Jobprofil gibt es nicht, jeder muss seinen eigenen Pfad im steinigen Gelände finden. Rohstoffspezialisten allerdings sind gesucht wie neue Ölquellen.
Heiß begehrt: Geologen in der ÖlindustrieFoto: © Fotolia VI - Fotolia.com
Wahrscheinlich gibt es nur wenige Menschen auf der Welt, die so genau wie Jutta Schmieder ausmachen können, an welchem Ort das Leben lebensgefährlich ist. Sie würde zum Beispiel nur ungern aus München nach San Francisco oder Taiwan ziehen, denn westlich drohen Erdbeben, östlich tropische Stürme. Die Geografin weiß auch, was das an Geld und Leben kosten würde: Ein starkes Erdbeben in San Francisco würde 200 bis 300 Milliarden Dollar volkswirtschaftlichen Schaden anrichten. Passierte es nachts, gäbe es 3.000 bis 5.000 Tote, nachmittags um zwei wäre mit 100.000 Toten zu rechnen.Jutta Schmieder arbeitet beim Rückversicherungskonzern Munich Re in der Abteilung "GeoRisikoForschung". Zu Beginn ihres Studiums der physischen Geografie in Trier schwebte ihr wie vielen Kommilitonen vor, in den Umweltschutz zu gehen. Ein Praktikum machte ihr jedoch klar, dass ihr Traumjob anders aussieht. Also schaute sie sich anderswo um, zum Beispiel beim kanadischen Landwirtschaftsministerium und in der Lawinenforschung in Davos. 1996 schrieb sie ihre Diplomarbeit bei der Münchener Rück über Überschwemmungsgefahren in Trier, schloss ein weiteres Praktikum an, und als ein Jahr darauf eine Stelle frei wurde, stieg Schmieder als Expertin für Geoinformatik ein.

Die besten Jobs von allen

Die Diplom-Geografin hat alles richtig gemacht: Sie hat sich früh orientiert, auf die zukunftsträchtige Geoinformatik spezialisiert, Praktika in unterschiedlichen Bereichen im In- und Ausland gemacht, die Nähe zum Arbeitsmarkt gesucht statt gemieden. Genau diese Ratschläge gibt Wirtschaftsgeograf Wolfgang Leybold von der Personal- und Organisationsberatung Leybold & Akli. Bei seinen Seminaren für Studenten bemerkt er aber, dass sie immer noch zu wenig beherzigt werden. "Häufig mangelt es an der Praxisorientierung. Ein einziges Praktikum reicht einfach nicht aus", sagt Leybold, der nach seinem Abschluss 2001 als Projektmanager in einer regionalen Wirtschaftsförderung begann und sich 2004 mit der Beratung selbstständig machte.Die letzten UniversaldilettantenEin Geografie-Studium ist breit angelegt zwischen Klimaforschung und Verwaltungsrecht; Studenten analysieren Bodenproben im Labor, werten Luftbilder aus oder deuten demografische Statistiken. Wegen ihrer Vielseitigkeit gelten die Absolventen als Universaldilettanten, als letzte Spezialisten fürs Ganze - kurz: als Wesen, mit denen Personaler in Unternehmen erst mal eher wenig anfangen können.Das war nicht tragisch, solange der öffentliche Dienst als wichtigster Arbeitgeber Geografen zum Beispiel für Flächenplanung, Abfallberatung, Umweltschutz, für Tourismus-Marketing, Nahverkehrsplanung und Wirtschaftsförderung engagierte. Heute sind die Aufgaben zwar nicht weniger geworden, doch das Geld ist knapp, Stellen bei Bund, Ländern und Gemeinden sind rar. "Öffentlicher Dienst und freie Wirtschaft dürften sich inzwischen als Arbeitgeber die Waage halten", schätzt Leybold. Geografen arbeiten in Planungsbüros oder Franchise-Unternehmen, wo sie Gutachten für die Standortwahl erstellen. Andere kommen bei Banken, Versicherungen, Verlagen, Immobilienberatungen oder in der Marktforschung unter. Und konkurrieren hier natürlich mit Absolventen anderer Fächer."Aber statt sich zu grämen, dass es neben ihnen Fachleute für dies und Fachleute für das gibt, sollten Geografen ihre breite Ausbildung offensiv als Vorteil verkaufen und mit ihrem vernetzten Denken punkten", meint Leybold. Wichtig ist, sich im Grundstudium erst mal breit aufzustellen, um dann im Hauptstudium sinnvoll ergänzende Nebenfächer zu wählen, beispielsweise in Richtung Wirtschaft oder physische Geografie. Rudolf Juchelka vom Deutschen Verband für Angewandte Geographie drückt es noch drastischer aus: "Der Arbeitsmarkt für Ökologen ist tot." Juchelka empfiehlt entschieden die Spezialisierung Richtung Humangeografie. Gute Chancen sieht er in Regionalmanagement, Verkehr und Logistik und in der Immobilienbranche. Überall da, wo räumliche Probleme visualisiert werden, könnten Geografen andere aus dem Feld schlagen.We read the worldZum Beispiel in der Geoinformatik, wo Informationen aus Datenbanken zu digitalen Karten werden. "Man kann es sich wie übereinander gelegte Folien vorstellen, die jeweils unterschiedliche Informationen enthalten, zum Beispiel zur Bebauung, zur Erdbebengefährdung, zur Einwohnerzahl", erklärt Jutta Schmieder. "Diese Folienschichten durchsticht man dann an einer Stelle mit einer Nadel und erhält so alle verfügbaren Informationen zu diesem Ort." Dies ist einer der Grundlagen, wie Rückversicherer mögliche Schäden schätzen.Besonders stolz ist die Geografin auf die Weltkarte der Naturgefahren, die anzeigt, wo Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis oder Stürme drohen. Die vollständige Überarbeitung war eines ihrer Hauptprojekte, als Schmieder 1997 zur Münchener Rück kam. Nun steht erneut eine Aktualisierung der Karte an, die Mitarbeiter, Kunden und Forschungseinrichtungen nutzen. Das wird wohl wieder ein Jahr in Anspruch nehmen, schätzt die 38-Jährige, die im Mai nach sieben Monaten Elternzeit zurückgekehrt ist und jetzt Teilzeit arbeitet.

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