Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Ältere Arbeitnehmer

Die Erfahrung zählt

Claudia Obmann
Der Jugendwahn in der deutschen Wirtschaft nähert sich seinem Ende. Engagierten und flexiblen Managern jenseits der 50 bietet sich in einigen Firmen die Möglichkeit, noch einmal beruflich durchzustarten.
ErfahrungFoto: © © robert lerich - Fotolia.com
Ein Schreckgespenst verflüchtigt sich derzeit in Deutschland: Wer bisher befürchtete, mit Mitte 50 aufs Altenteil komplimentiert zu werden, kann aufatmen. Denn Deutschlands Personalchefs haben erkannt: Das kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten. „Mit vorzeitigen Pensionierungen und Altersteilzeitvereinbarungen müssen wir künftig sehr selektiv umgehen. Das ist oft zu teuer und der Know-how-Verlust ist zu groß“, gibt etwa Michael Kurtenbach zu.Der Personalvorstand der Gothaer Versicherung hat wie seine Branche insgesamt die demografische Entwicklung in Deutschland und ihre Folgen für den Arbeitsmarkt besonders gut im Blick: So würden nur durch die Verrentung bei der Gothaer allein von 2015 bis 2020 rund 60 Führungskräfte das Unternehmen verlassen. Hinzu kämen noch die vielen Sachbearbeiter aus der Baby-Boomer-Generation. „Dass klingt noch nach ferner Zukunft. Aber wir müssen jetzt handeln“, sagt Kurtenbach.

Die besten Jobs von allen

Der Handlungsbedarf ist in der gesamten deutschen Wirtschaft groß. Denn die immer weniger werdenden Nachwuchskräfte allein können die Löcher nicht mehr stopfen. So bietet sich schon heute älteren Semestern statt des Karriere-Aus die Chance, noch mal durchzustarten. Doch der Jugendwahn nimmt erst langsam ab.Halbtags-LösungenDie Zeiten, in denen qualifizierte Berufstätige fortgeschrittenen Alters zum Hungerlohn in prekären Arbeitsverhältnissen ihr Dasein fristeten, gehen offenbar ihrem Ende zu. Der Mangel an Fachkräften wird sogar so groß, dass Experten vorhersagen, dass nicht mehr länger jedem Altersteilzeitwunsch nach dem klassischen Blockmodell entsprochen werden kann. Dafür werden häufiger Halbtags-Lösungen über längere Laufzeiten als sechs Jahre zu beobachten sein.Um Arbeitgebern die Akquise zu erleichtern und eine zusätzliche Reserve von rein rechnerisch 1,2 Millionen Arbeitskräften zu verschaffen, betont Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen in ihrem aktuellen Bericht zur Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre im Jahr 2029: „Es gibt deutlich mehr und bessere Jobs für Ältere als früher. Inzwischen haben in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen drei von vier Beschäftigten sozialversicherungspflichtige Vollzeitjobs.“Und auch die Personalberater bestätigen die Nachfrage nach alten Meistern am Arbeitsplatz. Sophia von Rundstedt, Geschäftsführerin der gleichnamigen Personal- und Outplacement-Beratung berichtet aus ihrer Vermittlungspraxis, dass die Zeitspanne, in der gekündigte Manager jenseits der 50 einen neuen Job gefunden haben, seit 2007 auf rund 30 Wochen gesunken ist.Speziell Führungskräften wird inzwischen der rote Teppich ausgerollt, wie Jens Hohensee, der für den Industriesektor zuständige Personalberater bei Kienbaum, beobachtet: „Bei der Besprechung der Suche höre ich von Arbeitgebern immer öfter: 50plus nehmen wir sehr gerne.“ Schon in etwa 80 Prozent der Fälle zeigen sich seine Mandanten gegenüber Kandidaten offen, die näher an der Rente als am Berufseinstieg sind.Leiten, motivieren und entwickelnUnd immer häufiger setzen sich führungserfahrene Manager sogar gegen jüngere, fachlich versiertere Kandidaten durch, beobachtet der Headhunter, der erst kürzlich für ein Lasertechnologie-Unternehmen einen neuen Vertriebsleiter suchte. Neuer Abteilungschef wurde dann schließlich ein 52-jähriger Vertriebsleiter aus der Automatisierungstechnik, der seine beiden Mitbewerber – beides Laser-Experten Anfang 40 – aus dem Rennen schlug. Das Fach-Know-how eignet er sich jetzt im neuen Job an. Hohensee: „Speziell für eine Führungskraft kommt es fast mehr darauf an, dass sie Mitarbeiter leiten, motivieren und entwickeln kann, als dass sie durch Fachwissen glänzt.“Wer sich fit und flexibel fühlt und mehr als 20 Jahre Berufserfahrung hat, wird bereits von Spezialisten umworben: Gerade haben die ersten Jobbörsen und Personalvermittler die sogenannten Best Ager ins Visier genommen (siehe unten). Sogar Senioren aus dem Ruhestand zurückzuholen, um sie auf Projektbasis oder als selbstständige Berater weiterzubeschäftigen, dürfte schon bald keine Ausnahme mehr sein bei Unternehmen, die langfristig am Standort Deutschland bleiben wollen und beim teuren Wettbewerb um junge Leute nicht mitmachen können oder wollen.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick