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Mein schlimmster Job

Die Angst vor dem Pillen-Stausee

Hannes Vogel
In der Handelsblatt-Serie "Mein schlimmster Job" erzählen Prominente aus Wirtschaft, Politik und Kultur von ihren ersten skurillen Erfahrungen im Berufsleben. Diesmal: Christine Bortenlänger. Die Chefin der Bayerischen Börse stand im Sommer 1980 wochenlang am Fließband.
Christine Bortenlänger ist seit 2000 Vorstand der Bayerischen BörseFoto: © PR
Nicht nur mein heutiger, auch mein schlimmster Job hat mit Finanzen zu tun. Es war der Sommer 1980, ich war 15 und wollte mir Geld dazu verdienen für Klamotten, Urlaub, Ausgehen. Taschengeld bekam ich damals nicht viel. Also heuerte ich über einen Freund bei einem Medikamentenhersteller an – in der Verpackungsabteilung. Acht Stunden am Tag war ich dort das Ende des Fließbands. Morgens ab sieben Uhr, drei Wochen lang für 5,50 Mark die Stunde.Die Schachteln fielen mir vom Band entgegen auf einen Tisch. Ich musste sie so schnell wie möglich runter nehmen, auf Paletten stapeln und wegschieben. Ich kämpfte so gut ich konnte, aber die Flut wollte einfach nicht abebben! Ich habe sogar Albträume gehabt, dass ich die Packungen nicht schnell genug wegräumen kann und in einem Berg aus Pillen versinke. Immer wenn ich auf Toilette wollte, musste ich jemand rufen, damit ich nicht im Pillen-Stausee ertrinke. Der Tag wollte einfach nicht enden.

Die besten Jobs von allen

Ein bisschen fühlte ich mich wie Charlie Chaplin in „Moderne Zeiten“, gefangen im Räderwerk der großen industriellen Maschine.Das Schlimmste aber war die Langeweile. Ich habe mich mit kleinen Wettkämpfen frisch gehalten. Wie schnell kann ich die Dinger wegräumen? Schaffe ich es rechtzeitig, den Schachtel-Haufen abzuarbeiten, wenn ich mal ein paar Sekunden nicht weiterstapele? Der Geist ist unermüdlich. So fing ich an, den Prozess zu optimieren. Soll ich besser Fünfer- oder Zehnerstapel nehmen? Wie viele Menschen können die Schachteln versorgen, die ich heute weggeräumt habe?Die zweite Hälfte der Sommerferien habe ich dann auf einem Bauernhof gearbeitet. Feldarbeit in der prallen Sonne, aber dabei konnte man sich nett unterhalten. Außerdem habe ich währenddessen einen hübschen jungen Mann kennengelernt. So machte Erntehilfe doch viel mehr Spaß als Tiefstapeln. Ich würde den Job aber heute noch empfehlen. Ich habe viel fürs Leben gelernt. Er hat mich Demut vor der harten Arbeit gelehrt, die Menschen überall jeden Tag leisten. Und mich dankbar gestimmt, in die Schule gehen und lernen zu dürfen.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.09.2010

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