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Zu wenige Start-ups
Deutschland braucht mehr Vielfalt in der Gründszene.Foto: augustino/Fotolia.com
Entrepreneure gesucht

Deutschland braucht mehr Gründer-Helden

Oliver Voß
Prominente Gründer werben an Universitäten für mehr Unternehmertum und diskutieren, warum es keine deutschen digitalen Weltmarktführer gibt.
Wie notwendig die Mission von Tobias Kollmann ist, zeigte sich schon zum Auftakt in Köln und Hamburg. Mit Xing-Gründer Lars Hinrichs oder dem Qype-Gründer Stephan Uhrenbacher waren hochkarätige Unternehmer an die örtlichen Universitäten gekommen, um ihre Erfahrungen weiter zu geben. Doch maximal 50 Teilnehmer fanden sich in den Hörsälen. "An der WHU wäre so eine Veranstaltung überbucht", sagte Jörg Binnenbrücker vom Kölner Wagniskapitalfonds Capnamic. "Der Anblick hier in Köln macht mir Angst".

Unternehmertum als Chance entdecken

Deutschland als Standort für die digitale Wirtschaft zu stärken, ist das große Ziel von Kollmann. Um das zu erreichen berät der ehemalige Gründer von Autoscout24 und Entrepreneurship-Professor Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel oder versucht Studenten für das Unternehmertum zu begeistern. Dazu tourt Kollmann noch bis zum 16. Oktober mit einem Bus von Uni zu Uni, die weiteren Stationen beim E-Entrepreneurship Flying Circus sind Berlin, Dresden, Nürnberg und Stuttgart. Dort geben zum einen Gründer ihre Erfahrungen weiter, zum anderen wird diskutiert warum es keine digitalen Weltmarktführer aus Deutschland gibt und wie sich das ändern ließe. Die Teilnehmer haben dabei zum einen Mentalitätsprobleme ausgemacht. So kann sich nur jeder zehnte Student vorstellen, ein Unternehmen zu gründen. Selbst viele BWLer träumen nicht von der eigenen Firma, sondern eher vom Job bei BMW oder Audi. Selbst für ein Start-up zu arbeiten ist für viele keine Option, laut Florian Nöll vom Bundesverband Deutsche Start-ups sehnen sich gar 60 Prozent der Studenten nach einer Beamtenlaufbahn.

Probleme mit Vorbildern und Kapital

Für Lars Hinrichs liegt das auch an mangelnden Vorbildern. In den USA oder Großbritannien werden Unternehmer wie Elon Musk oder Richard Branson als Helden gefeiert. "Von den reichsten Deutschen muss man dagegen Bilder in Archiven suchen", sagt Hinrichs. Das zwiespältige Verhältnis zeigt sich auch an Oliver Samwer, dessen Rocket Internet just zum Auftakt der Bustour an die Börse ging. "Wir brauchen viel mehr mutige und aggressive Gründer wie Olli Samwer", forderte Sedo-Gründer Tim Schumacher. "Doch der gilt nicht als Vorbild, sondern wird in einem Atemzug mit Pleitiers und Kriminellen vom Neuen Markt genannt", schimpft Nöll.

Das zweite große Problem ist der Kapitalmangel. Die Unterschiede verdeutlicht Lars Hinrichs, als ihn ein Student fragt, warum er denn Xing verkauft habe, statt weiter zu versuchen es gegen LinkedIn als Weltmarktführer zu etablieren – auch mit dem Risiko zu scheitern. "Wir hatten 7,5 Millionen Finanzierung, unser Wettbewerber dagegen 200", so Hinrichs. Zwar gibt es auch für deutsche Start-ups inzwischen immer öfter zweistellige Finanzierungsrunden, trotzdem hat sich an dem Missverhältnis wenig geändert. "Die Frühphasenfinanzierung funktioniert, doch danach bleibt das Geld aus", sagt der Berater Nico Lumma.

Zwischen Aufbruch und Pessimismus

Statt innovativer Technologiefirmen entstünden so E-Commerce Nischen-Start-ups, die nur darauf achten möglichst schnell Geld zu verdienen. Die Folge seien haufenweise Gründer die irgendwas in Boxen verpacken und im Monatsabo verkaufen. So scheint bei der Tour, die Aufbruchstimmung und Gründergeist verbreiten soll, gelegentlich eine gute Portion Pessimismus durch. "Wenn man ehrlich ist, ist im Internet der Zug abgefahren", sagt beispielsweise Hinrichs angesichts der Dominanz von Google & Co. Deutschland müsse aufpassen, nicht auch noch in Branchen wie dem Automobilbau den Anschluss zu verlieren und zumindest in Zukunftsfeldern wie Robotics dabei zu sein.

Doch Kollmann lässt sich davon nicht anstecken: "Aufgeben ist ja keine Option". So sammelt er noch im Bus auf dem Weg zur nächsten Station wieder Vorschläge und Forderungen. Kollmann selbst wünscht sich nach der kommenden Bundestagswahl einen echten Internetminister und mehr Anerkennung für Gründungen an Hochschulen. So sollte eine Ausgründung den gleichen Wert haben, wie eine wissenschaftliche Publikation in den großen Fachjournalen.

Und auch in Sachen Finanzierung könnten die Rahmenbedingungen besser sein. "Wir brauchen den Mut, auch an die Steuergesetzgebung ranzugehen", fordert Jörg Müller-Lietzkow, Sprecher des Unionsnahen Netzpolitik-Vereins Cnetz. Nöll ergänzt dazu eine konkrete Forderung: "Versicherungen und Pensionskassen müssen ein Prozent in Venture Capital Fonds investieren".
Dieser Artikel ist erschienen am 14.10.2014

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