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Stressiges Pendeln
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Mobilität

Der Wahnsinn des Pendelns

Jacqueline Goebel und Andreas Dörnfelder, wiwo.de
Hamburg–Berlin, Köln–Frankfurt, Essen–Gütersloh: Millionen Deutsche fahren täglich stundenlang zur Arbeit. Den Staat kostet das Milliarden – und die Pendler gefährden Gesundheit und Karriere.
Jule Körber steht an Gleis 6 und hofft, dass ihr Trick wieder funktioniert. Wenn gleich der Regionalexpress Richtung Minden in den Bahnhof rumpelt, entscheidet sich binnen Sekunden, wer sitzen darf und wer stehen muss. Kurz vor halb acht, noch bevor der rote Doppeldecker zum Stehen kommt, schleicht Körber ans hintere Ende des von ihr gewählten Wagens. Als die graue Doppeltür aufgeht, lauert sie schon an der äußeren Seite. "Dort steigen weniger Menschen aus", sagt sie. Und während innen noch die Massen aus dem Waggon auf den Bahnsteig quellen, hat sie längst ihren Platz ergattert.

Körber wohnt in Essen und arbeitet in Gütersloh. Jeden Morgen und jeden Abend fährt sie 130 Kilometer mit dem Regionalexpress und durchquert dabei fast das gesamte Ruhrgebiet. Mit ihrer Pendelstrecke käme sie in einem Jahr anderthalbmal um die Erde.

Die 30-Jährige arbeitet als Texterin für ein Kundenmagazin der Bertelsmann-Tochter Arvato. Ende 2012 bekam sie die Zusage für den Job. Doch zur Freude über die neue Stelle kamen Fragen: Was wird aus meiner Essener WG und meinem Freund? Was mache ich abends allein in Ostwestfalen? Halte ich es aus, jeden Tag drei Stunden Bahn zu fahren? Und was sagen Chefs und Kollegen, wenn ich nicht nach Gütersloh ziehen möchte?

Das Pendler-Timing

Körbers Antwort: Sie pendelt. Seit Anfang des Jahres klingelt der Wecker morgens um 6 Uhr, geduscht hat sie schon am Abend vorher. Obwohl der Weg zum Bahnhof nur fünf Minuten dauert, verlässt sie kurz nach sieben das Haus – "ich habe immer Angst, zu spät zu kommen". Auf der Fahrt liest Körber – morgens Zeitung, abends Bücher. An die Arbeit denkt sie nicht, versucht, die Fahrzeit zur Freizeit zu machen. "Nur Schulklassen sind nervig", sagt sie. "Da kann man nicht entspannen."

Zurück in Essen ist sie abends nicht vor 20 Uhr. Sie setzt sich noch kurz zu ihren Mitbewohnern, kocht mit ihrem Freund, geht duschen, fällt ins Bett. Zeit für Sport, Kino, Freunde bleibt da kaum. Körbers Fazit nach neun Monaten Pendeln: "Wohnte ich allein, wäre ich schon längst umgezogen."

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