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Mein schlimmster Job

"Der Stumpfsinn hat mich erschreckt"

Protokoll: Mariam Schaghaghi
Einführung in die DDR-Produktion: Als Schüler musste Florian Lukas Stahlbleche stanzen und Pfennigabsätze auf hässliche Pumps nageln.
Florian Lukas' schlimmster Job: Stahlbleche stampfenFoto: © Bente Schipp
"Als Erwachsener musste ich zum Glück nie fiese Jobs machen. Als Schüler dafür umso öfter. Im Osten wurden wir ab der siebenten Klasse in die Fabriken geschickt, um auch praktische Sachen zu machen. Den Arbeitsalltag kennenlernen, hieß es offiziell. Das war Teil der Schulerziehung - und hat mir so gereicht, dass ich nie wieder arbeiten wollte. Zumindest nicht in dieser Form, was ja auch geklappt hat: Nach dem Abi war ich immer Schauspieler. Eine Station war eine Benzinfilterfabrik im Prenzlauer Berg. Da mussten wir gusseiserne Teile für LKW zusammenschrauben. Absurd war, dass man die Filter erst einmal auseinandernehmen musste. Denn die Schülerschicht davor hatte die Filter so mies zusammengehauen, dass 90 Prozent nicht zu gebrauchen waren.Die einen hatten die Dinger also auseinander und die anderen das Brauchbare wieder zusammengeschraubt, um den Schrott der anderen in der nächsten Schicht wieder auseinander zu bauen. So ging das ewig. Wir mussten alle zwei Wochen hin, immer einen halben Tag lang, und das über Jahre! Das war total unproduktiv - und irgendwie typisch für die DDR. Heute würde das kein Mensch mehr so machen, da Leute hinzusetzen, um sie einfach nur zu beschäftigen. Manchmal mussten wir auch Dinge machen, von denen ich nicht mal wusste, wozu sie gut sein sollten. Ich habe stundenlang Stahlbleche gestanzt und in einer Damenschuhfabrik Pfennigabsätze auf Pumps genagelt. Wochenlang. Da gab's riesige Kisten mit Absätzen und massenhaft hässliche Pumps.

Die besten Jobs von allen

Das war das Fach ESP - Einführung in die sozialistische Produktion. Einmal musste ich Waggons von Modelleisenbahnen zusammensetzen. Ich dachte, das wird toll, schließlich hatte ich selbst eine Eisenbahn. Und der Job ging ja noch. Aber die Gespräche der Arbeiterinnen waren phänomenal. Die haben sich ausschließlich über das TV-Programm vom letzten Abend unterhalten - acht Stunden lang! Dazu kamen die immer gleichen Waggons, Tausende kleine Viehtransporter. Danach hatte ich auch von Modelleisenbahnen die Schnauze voll. Für mich war das eine Horrorvorstellung: jahrzehntelang dasselbe zu machen, jeden Tag. Der Stumpfsinn hat mich total erschreckt. Heute bin ich Schauspieler und kann in meinen Rollen in eine andere Haut schlüpfen. Jeder Tag ist anders. Dafür bin ich echt dankbar."
Dieser Artikel ist erschienen am 01.01.2009

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