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Öffentlicher Dienst

Der Staat will Sie!

G. Brandenburg, D. Heide, S. Hergert, S. Wimmer, M. Haerder
Das Bild der grauen Behörde ist überholt. Manche Vorurteile werden zwar noch immer bestätigt, doch neue Jobs verbessern stetig das Image. Der öffentliche Dienst hat sich zum attraktiven Arbeitgeber gewandelt - und ist gerade in der Krise eine echte Alternative.
Peter Freitag leitet das Rechtsamt im Main-Tauber-KreisFoto: © Andy Ridder
Schreibtische voller Aktenordner, "Mahlzeit"-Rufe, die über lange Flure hallen, verwaiste Büros nach 16 Uhr. Wer an den öffentlichen Dienst denkt, hat sofort Bilder vor Augen. Weit kommt man mit diesen Klischees aber nicht. Schon gar nicht, wenn es um Karrierewege geht. Denn dafür ist Deutschlands größter Arbeitgeber (4,5 Millionen Mitarbeiter) zu vielfältig. Er bietet die klassische Verwaltungslaufbahn in einer Behörde, darüber hinaus aber noch viele andere Aufgaben.Katja Kunde etwa darf sich als Unternehmensberaterin sehen. Seit Februar dieses Jahres ist sie Projektmanagerin bei der Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb (Gebb), einem Unternehmen des Bundesverteidigungsministeriums. Ihr Projekt: Sie arbeitet daran, die Logistik der Bundeswehr zu modernisieren.

Die besten Jobs von allen

Dass sie jetzt für den Staat arbeitet, ist eine Folge der Wirtschaftskrise. Im Sommer 2008 sah sie die ersten Anzeichen. Ihrem Arbeitgeber, einem Chemiekonzern aus dem Rheinland, ging es schlecht, viele Kollegen verließen das Unternehmen. Kunde blieb nicht untätig und sah sich ebenfalls nach einer neuen Stelle um. Die 29-Jährige, die zuvor an der Universität Köln und in Melbourne BWL mit Schwerpunkt Logistik studiert hatte, schrieb 15 Bewerbungen und wurde zu immerhin acht Vorstellungsgesprächen eingeladen. Am Ende lagen ihr zwei konkrete Angebote vor, "beide waren sehr spannend". Kunde hatte die Wahl: freie Wirtschaft oder Staat. Sie entschied sich für den Staat. Kunde sagt: "Ich wollte eine attraktive Aufgabe und vor allem einen sicheren Job." Beides glaubt sie in Köln bei Gebb gefunden zu haben.Gut ausgebildete junge Leute wie Katja Kunde hat der öffentliche Dienst bitter nötig, denn das Personal ist im Durchschnitt zu alt und der Bedarf an Fachkräften groß. Wie hoch der Bedarf ist, zeigt schon der Blick auf die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA). Im Juni 2008, noch vor Beginn der Krise, meldete die BA 27777 offene Stellen bundesweit für den öffentlichen Dienst, im Juni 2009 waren es bereits 30647 - ein Plus von mehr als zehn Prozent. In einigen Arbeitsamtsregionen fiel der Zuwachs noch viel deutlicher aus. So meldete die Agentur für Arbeit in Bonn für denselben Zeitraum ein Plus von gut 38 Prozent, deren Hamburger Kollegen konnten sogar 41 Prozent mehr Stellen für den öffentlichen Sektor vorweisen.Die Stellenbörse des Bundesverwaltungsamtes (www.bund.de) hatte 2008 täglich noch rund 200 Ausschreibungen gelistet. Im August 2009 waren es täglich knapp 600. Junge Kräfte sollen in den kommenden Jahren die personellen Lücken schließen. Dabei haben Staat und Kommunen dieses Problem selbst geschaffen. Über viele Jahre hinweg wurden massiv Stellen abgebaut, um Kosten einzusparen. Schlankere Strukturen wurden vor allem durch verbesserte elektronische Verwaltungsarbeit möglich. Dazu kam die Privatisierung kommunaler Krankenhäuser. 1991 zählte der öffentliche Dienst 6,7 Millionen Personen, 2008 waren es nur noch 4,5 Millionen.Diese Zahl allein wäre kein Problem, doch der Stellenabbau wurde mit einer sehr zurückhaltenden Einstellungspolitik umgesetzt. Der Nachwuchs blieb außen vor. Das Resultat ist eine besorgniserregende Altersstruktur. Von einer "kollektiven Vergreisung der Verwaltung" spricht Christoph Reichard, der bis 2006 Public Management an der Universität Potsdam lehrte. Durchschnittlich 27 Prozent der Beschäftigten der Länder im höheren Dienst sind 55 Jahre und älter, werden also in wenigen Jahren aus dem Dienst ausscheiden. Reichard schätzt, dass mittelfristig jede dritte Stelle neu besetzt werden muss.

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