Interview mit Ulrich Khuon
"Der Mensch bremst sich nicht selber"
Til Knipper
Ulrich Khuon ist der neue Intendant des Deutschen Theaters. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über die Gier der Manager und Neofeudalismus, Kultur-Subventionen und infantiles Geplapper auf Facebook.
Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters BerlinFoto: © Arno Declair Herr Khuon, als vor zwei Jahren die Entscheidung fiel, dass Sie vom Thalia Theater in Hamburg zum Deutschen Theater (DT) nach Berlin wechseln, haben Sie das Thalia Theater mit Porsche verglichen, das DT mit General Motors. Sind Sie noch zufrieden mit dem Vergleich?
So wie der Vergleich damals gemeint war, kann ich mit ihm immer noch sehr gut leben. Porsche war zu dem Zeitpunkt ein kleiner, beweglicher, phantasievoller und hochprofitabler Autohersteller. Die Mitarbeiter identifizierten sich voll mit dem Laden und so war es auch am Thalia. Das DT war größer und hatte eine sehr breite, vielfältige Angebotspalette. Das kann wie bei GM dazu führen, dass man sich verzettelt. Das ist beim DT aber nicht passiert, insofern hinkt der Vergleich. Aber so was ist ja immer etwas augenzwinkernd gemeint.Also sind Sie auch nicht Wendelin Wiedeking, der nach Berlin kam, um das DT mit Steuergeldern zu retten, um im Bild zu bleiben?
Nein, dann würde das Bild extrem schief. Ich musste hier nichts retten. Das DT hat sich in den vergangenen fünf Jahren sehr gut entwickelt. Außerdem bin ich in Hamburg auch nicht rausgeflogen.
Die besten Jobs von allen
Ärgern Sie sich, dass Banken und Unternehmen in der Krise Milliardensummen bekommen, während die Theater seit Jahren sparen müssen?
Ich mache mir eher Sorgen, dass jetzt wieder selbsternannte Experten mit ihren Patentrezepten anrücken: Immer wenn die Staatskasse leer ist, schlagen sie vor, man solle die freiwilligen Leistungen des Staates streichen.Wie zum Beispiel die Subventionen für Theater?
Ja, aber was heißt denn eigentlich freiwillig? Wenn man eine Leistung über einen längeren Zeitraum leistet, entsteht daraus auch eine Verpflichtung. Außerdem unterstellen die Patentrezeptler immer, dass Kürzungen bei der Kultur einen wesentlichen Beitrag zur Haushaltssanierung leisten könnten. In Hamburg betrugen die Kulturausgaben zwei Prozent des gesamten Haushaltes. Wer da die Hälfte kürzt, zerstört die Kultureinrichtungen, hat aber insgesamt nur ein Prozent eingespart.Müssen Theater in Zukunft noch stärker um Ihre Existenzberechtigung kämpfen oder sind sie "too important to fail"?
Ich führe diese Spardiskussionen seit ich vor über 20 Jahren in Konstanz zum ersten Mal Intendant geworden bin. Kulturelle Einrichtungen wie Theater und Museen sind heute wichtiger denn je, weil sie der geistigen Ausblutung der Städte entgegen wirken. Wir sind ein Gegenmodell zur allgemeinen Privatisierung und Eventisierung. Wo wird denn noch öffentlich darüber nachgedacht, wie wir als Gesellschaft leben wollen? Deswegen machen wir im DT auch Lesungen, Vortragsreihen, Podiumsdiskussionen, um den gesellschaftlichen Diskurs zu pflegen.Kann die Wirtschaft von den Theatern lernen, mit wenig Geld zurecht zu kommen?
Das Problem in der Wirtschaft momentan ist, dass alle nach Werten schreien. Alle besuchen Managementseminare mit Titeln wie "Wie schaffe ich Vertrauen?". Man pappt sich Werte aus Imagegründen ans Revers, aber sie werden nicht gelebt, sie haben keinen Kern. In Krisenzeiten ist sich jeder wieder selbst am nächsten und die Werte werden wieder über Bord geworfen. Da herrscht ein unglaublicher Zynismus.Was machen Sie als Chef anders?
Ich habe das Glück, nur 300 Mitarbeiter zu haben. Bei der Größe hat man zu fast allen noch persönlichen Kontakt. Überall wo ich bisher war, habe ich gesagt: Mit mir wird es keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Im Gegenzug erwarte ich dann aber auch die Bereitschaft, auf ein paar Errungenschaften zu verzichten. Ich wünsche Beweglichkeit, weil wir hier nicht mit starren Zeiten arbeiten können. Wenn die Mitarbeiter sehen, dass man auch bereit ist für sie zu kämpfen, dann sind sie auch bereit sich zu verändern.Inwieweit fühlen Sie sich als Unternehmer? Würden Sie sich zutrauen ein privates Unternehmer in vergleichbarer Größe zu führen?
Ja, das könnte ich schon. Ich habe auch als Intendant eines Staatstheaters eine unternehmerische Verantwortung. Wir bekommen zwar 18 Millionen Euro pro Spielzeit vom Staat und das finde ich auch richtig so. Aber die Subventionen sind kein Freibrief, sich völlig auf den Staat zu verlassen. 20 Prozent unseres Etats müssen wir selbst erwirtschaften. Das ist auch machbar.Sie haben Jura, Germanistik und Theologie studiert. Wie sind Sie damit zum Theater gekommen?
Ich habe schon in der Schule Theater gespielt. Aber ich komme aus einem bürgerlichen Elternhaus und hatte damals keine Ahnung, wie man Berufsschauspieler wird. Jura war da einfach naheliegender. Später habe ich dann noch Staatsexamen in Theologie und Germanistik drangehängt. Über die Germanistik bin ich auch zur Dramaturgie gekommen.