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Entschleunigung
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Entschleunigung

Das Leben ist keine Treppe

Interview: Marc Brost und Elisabeth Niejahr, Zeit.de
Der Soziologe Hans Bertram über die "überforderte Generation" der 30- bis 45-Jährigen, die unter ständigem Zeitdruck leidet.
Herr Bertram, Sie bezeichnen die heute 30- bis 45-Jährigen als "überforderte Generation". Sind wir eine Gesellschaft von Weicheiern?

Nein. Die Berufstätigen von heute haben viel weniger Zeit für sich, als ihre Eltern früher hatten. Sie schlafen weniger, essen schneller, sie nehmen sich sogar weniger Zeit für die Körperpflege. Die überforderte Generation fühlt sich ständig unter Zeitdruck. Vor allem für Familien ist es viel schwerer geworden, den Alltag zu managen.

Woran machen Sie das fest?

Die Männer der Nachkriegsgeneration haben im Schnitt noch 48 Stunden pro Woche gearbeitet. Das war allerdings auch die gesamte Zeit, die eine Familie der Arbeitswelt zur Verfügung stellte. Heute beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit einer verheirateten Mutter mit ein bis zwei Kindern etwa 30 Stunden. Der Ehemann arbeitet im Schnitt 42 Stunden. Die von Ihnen als Weicheier bezeichneten Menschen sind also gemeinsam 72 Stunden berufstätig. Weil sich diese Arbeitszeit auf zwei Erwachsene verteilt, steigt der Organisationsaufwand im Familienalltag.

Dafür ist die Arbeit im Haushalt schneller erledigt als in den sechziger Jahren.

Stimmt, da hat es tatsächlich eine Entlastung gegeben. Die Arbeitszeit für eine Hausfrau ist von 32 Stunden pro Woche in den sechziger Jahren auf heute 17 Stunden gesunken, weil zum Beispiel die Wäsche nach dem Waschen nicht mehr aufgehängt, sondern in den Trockner geworfen wird. Allerdings arbeiten auch die Männer mehr im Haushalt mit, früher waren es vier Stunden pro Woche, heute sind es neun. Der tatsächliche Freizeitgewinn fällt also insgesamt etwas kleiner aus. Familien erledigen heute neue Aufgaben, die vom Markt auf den Konsumenten verlagert wurden. Früher hat das Reisebüro die Pauschalreise organisiert, mittlerweile buchen wir nicht nur unsere Flüge selbst, sondern checken auch gleich das Gepäck ein und drucken die Bordkarte selber aus. Und: Die Kindererziehung ist heute viel anspruchsvoller als früher. In meiner Altersgruppe haben nur acht Prozent das Abitur gemacht, heute sind es fünfzig Prozent eines Geburtsjahrgangs. Das bedeutet mehr Arbeit für die Eltern, die ihre Kinder unterstützen. So gab es insgesamt eine Zeitverschiebung zugunsten der Arbeitswelt und zugunsten der Kinder – obwohl es weniger Kinder gibt und wir im Durchschnitt weniger Wochenstunden arbeiten.

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