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Lürssen Schiffbau

Das Geschäft mit der Yacht

Stefanie Bilen
Deutschen Werften geht es wieder gut. Besonders die Luxusyachten der Bremer Lürssen-Werke sind weltweit angesehen. Aus Rücksicht auf ihre betuchte Klientel schotten sie ihr Gelände hermetisch ab.
Deutsche Werften suchen NachwuchsFoto: © Klaus Eppele - Fotolia.com
"Es ist nicht so einfach, auf das Boot zu kommen. Viele Eigner schätzen es nicht, wenn Besucher in den Schiffbauhallen herumlaufen." Jens Weishaupt lenkt seinen Volvo auf den Parkplatz der Lürssen-Werke in Bremen-Bardenfleth. Vom Auto aus ruft er den zuständigen Projektleiter-Kollegen an und bittet um Zugangserlaubnis. Vor ihm im Schwimmdock befindet sich die neueste - noch im Bau befindliche - Luxusyacht des Unternehmens.Lürssen ist Spezialist für Motorschiffe der Extraklasse. Aktuell kommen vier der zehn längsten Privat-Luxusschiffe der Welt aus dem Bremer Familienunternehmen, heißt es im Ranking des Fachblatts "Power & Motoryacht". Mal mit Hubschrauberlandeplatz, mal mit kleinen U-Booten, mal mit kompletter Moschee an Bord. Alles Einzelanfertigungen - eine teurer als die andere.

Die besten Jobs von allen

In der Schiffsgarage sieht es aus wie auf einer BaustelleWeishaupt ist einer der Verantwortlichen für die Luxusliner. Als Projektleiter begleitet er eine Yacht von der Akquise bis zur Übergabe. Das Schiff im Schwimmdock Bardenfleth an der Weser wird von einem Kollegen betreut - Weishaupts aktuelles Projekt existiert erst auf dem Papier. In der 210 Meter langen Schiffsgarage sieht es aus wie auf einer Baustelle: Der Schiffsrumpf wird verspachtelt, Wände verkleidet, Kabel verborgen, Decken eingezogen. Pläne für aufwändige Vertäfelungen und pompöse Deckenverzierungen hängen an der Wand. Nur ein Kenner ahnt, dass dies mal ein Luxusboot wird. Bis zum Herbst soll das Schiff das Dock räumen, damit Weishaupts Schiff entsteht.Seit Mitte 2007 arbeiten der Projektleiter und sein Team an der 124 Meter langen Chrystal, im Sommer 2010 soll sie ausgeliefert werden. Zu Auftraggeber und Kaufsumme schweigt sich Weishaupt aus. Als Faustregel gilt, dass jeder Schiffsmeter rund eine Million Euro kostet. "Wenn das überhaupt noch langt", sagt Weishaupt. Der 43-Jährige spricht so, wie man es von einem Norddeutschen erwartet. Wenn er den Namen seines Projekts nennt, klingt es nach dem netten Mädchen von nebenan: "Kristel".Die Hersteller der Luxusyachten sind auf Diskretion und Zurückhaltung bedacht. Lürssen veröffentlicht keine Unternehmenszahlen, gerade mal die Mitarbeiterzahl von 1.200 gibt es preis. Dass sich das Unternehmen nun zaghaft der Öffentlichkeit öffnet, liegt am Nachwuchsmangel. Die Auftragslage ist so gut, dass dem Unternehmen die Fachkräfte fehlen. "Das geht fast allen Firmen der Branche so", sagt Volker Visarius vom Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). Über Jahrzehnte galt der Schiffbau als sterbende Branche, vor allem in Deutschland. Schulabgänger hatten an einem Schiffbau-Ingenieurstudium kein Interesse mehr. Heute verlassen jährlich nur rund 70 Schiffbau-Ingenieure die Hochschulen, der Bedarf wird laut VSM auf mindestens 130 geschätzt. Hinzu kommen benötigte Ingenieure anderer Fachrichtungen. Der allgemeine Fachkräftemangel im technischen Bereich erschwert die Situation daher zusätzlich.Dabei ist Weishaupt davon überzeugt, dass es keinen spannenderen Job geben kann. "Den Bau einer Yacht zu verantworten, ist wie ein Unternehmen auf Zeit zu führen", sagt er. "Wenn das Schiff dann erfolgreich abgeliefert wird, spürt man große Erleichterung und zugleich eine innere Genugtuung." Weishaupt vergleicht eine Yacht mit einer schwimmenden Stadt. Im Schwimmdock wird deutlich, wovon er spricht: Das Schiff hat mehr als zehn Stockwerke, mehrere Hundert Handwerker sind dort im Einsatz. Wenn die Planung nicht stimmt, die Elektrik beispielsweise nicht verlegt ist, sitzen Dutzende von Tischlern herum, weil sie Decken und Wände nicht einziehen können. Weishaupt wirkt in seinem grauen Anzug wie ein Fremdkörper unter den Arbeitern. Im Vorbeigehen raunzt er einem Handwerker zu, dass er seine Arbeit wegen der fliegenden Funken in einem geschützten Raum machen solle. Hier und da ruft er Kollegen zur Mittagszeit ein norddeutsches "Moin" zu.Zurück an seinem Schreibtisch klingelt das Telefon Sturm: Die Besatzung eines ausgelieferten Bootes hat Probleme, Weishaupt muss per Ferndiagnose helfen. Der gelernte Schiffbau-Ingenieur hat sein schmuckloses Büro in einer verwaisten Bootshalle. Sein voriges Projekt war hier untergebracht. Nun ist es längst in den Händen des Eigners, Weishaupt und seine Sekretärin arbeiten aber noch immer hier; bis das neue Schiff Formen annimmt und der Projektleiter seinen Schreibtisch dicht an der "Kristel" bezieht.

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