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Betriebsklima

Damit erst gar kein Streit entsteht

Liane Borghardt
Ausgerechnet mit dem...! Das Dumme an Zimmer-Ehen: Man kann sich meist nicht scheiden lassen. Den Dauertelefonierer oder Witzbold auf der anderen Seite des Schreibtischs müssen Sie zwar nicht lieben. Aber mit ihm klar kommen.
Darüber reden ist besser als schmollenFoto: © endostock - Fotolia.com
Wie sie die esoterisch angehauchte Kollegin zum Ausrasten bringt, weiß Susanne genau. Schließlich ist sie dazu verdammt, täglich mindestens acht Stunden mit ihr zusammen in einem Büro zu sitzen. Jetzt ist die Gelegenheit gekommen: Die Esoterik-Tante lamentiert mal wieder, dass sie Ruhe zum Schreiben braucht. Und die hat sie nicht - jammer, jammer - wenn ständig Besuch für Susanne ins gemeinsame Zimmer spaziert. "Okay, dann bitte ich die Leute demnächst, bei dir vorher einen Besuchsantrag einzureichen", kontert Susanne mit saurem Lächeln. Zynismus, weiß sie, kann ihre Kollegin auf den Tod nicht ausstehen.Zzzzzzzz... Susanne spürt einen Luftzug am linken Ohr. Die Schere klatscht mit der Breitseite gegen die Wand hinter ihr und landet im Papierkorb. Jetzt ruhig bleiben, zwingt sich Susanne. So wird es der Kollegin noch schwerer zu schaffen machen, dass sie eine Schere nach Susanne geworfen hat - ein Mordwerkzeug! Triumph auf ganzer Linie: Die blöde Kollegin fängt an zu heulen. Kürzlich geschehen in der Redaktion einer Wirtschaftszeitung.

Die besten Jobs von allen

Reinhold muss sein Büro mit einer Kräutertee-Trinkerin teilen. "Wäre ich Kabarettist, könnte ich vormachen, wie die dreimal am Tag ihren miefigen Tee kocht. Bestimmt würde ich dafür viele Lacher ernten", erzählt er. Außerdem redet die Tee-Trinkerin auch noch gerne und viel, am liebsten übers Tennisspielen. Reinhold hat für Tennis nichts übrig. "Du hörst mir nie zu", beschwert sich seine Kollegin. "Tu ich doch", brummt Reinhold und guckt dabei auf seinen Bildschirm. "Woher weiß ich das, wenn du mich nie anschaust?" Jetzt holt Reinhold den Trumpf raus, den er sich letztens vor dem Einschlafen zurechtgelegt hat: "Weil du nicht gut aussiehst." So passiert in einem großen IT-Unternehmen.Bleib mir vom HalsHeizung und Radio an oder aus, penetrantes Parfum, schrille Stimme, Nase-hochziehen, Teeküche komplett eingesaut - wo Kollegen ein Büro teilen, schwelen in jeder Ecke Konfliktherde. Der Psychologe Johannes Ruppel erklärt das mit dem natürlichen Distanzbedürfnis: Dringt etwas in unser Hoheitsgebiet, reagieren wir empfindlich. Das Hin- und Hergerissensein zwischen Ich-bin-ja-nicht-kleinkariert und Das-nervt-aber-wirklich macht alles noch schlimmer. In diesem Ambivalenzkonflikt, wie der Psychologe sagt, wählen die Meisten die schlechteste Alternative und schweigen. "Auch wenn man Toleranz üben soll: Sich selbst übergehen und den Kontakt zum Kollegen ablehnen, ist keine Lösung", erklärt Johannes Ruppel.Stumme kleben Rabattmarken für jedes neue Vergehen. Bis sie explodieren. Gefühle, die nicht akzeptiert oder ausgesprochen werden, sind wie Eiterbeulen. Dabei wäre es leichter, ein frisches Problem anzupacken, als langsam gewucherte Verwicklungen zu entwirren.Kurt Faller schlichtet als ausgebildeter Mediator zwischen Kollegen und ist Dozent für Konfliktmanagement an der Uni Bochum. Auf einer Streitskala unterscheidet er Härtegrade von eins bis neun. Bis zu einem Wert von zwei oder drei handelt es sich noch um einen Sachkonflikt. "Dann kippt der Streit auf die persönliche Ebene und es heißt: ,Du immer und überhaupt und nur du... Die Leute haben vergessen, um welche Kleinigkeit es vielleicht ursprünglich ging."Heißer Krieg, kalter KriegÄrger aussprechen, ohne zu verletzen, von sich selbst reden statt Du-Botschaften abfeuern, miteinander statt übereinander reden und bei heiklen Themen wie Körpergeruch eventuell einen vertrauenswürdigen Botschafter einschalten - bei Psycho-Dramen ist das Taktgefühl des Einzelnen gefragt.Doch nicht immer tragen die Streitenden die Alleinschuld für ihr Problem. "In jedem Unternehmen herrscht eine eigene Konfliktkultur. Je nach Umfeld kann sich ein- und dieselbe Person ganz unterschiedlich verhalten", weiß Kurt Faller aus der Beraterpraxis. So seien Werbeagenturen oder Softwarehäuser klassische Kandidaten für eine heiße Konfliktkultur. Die Symptome sind lauter Zoff und eine hohe Personalfluktuation. In Kirchen und Ämtern dagegen das andere Extrem: Kalte Konfliktkulturen sind Nährboden für verdeckte Kleinkriege. Hier ist ein hoher Krankenstand die verräterische Kennziffer.Konfliktkosten ergeben sich für Arbeitgeber so oder so. Streitprofi Faller erzählt von Verwaltungen, in denen die Feinde im Büro 20 bis 30 Prozent ihrer Arbeitszeit für Psychokriege aufwenden. Oder von einer Druckerei, wo ein Widersacher seinem ahnungslosen Gegenüber täglich sämtliche Einstellungen am technischen Gerät veränderte. Sabotage-Handgriffe, die sich zu Tausenden Euro Verlust summieren.Beim Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt, zu dem sich 200 Profi-Schlichter zusammengeschlossen haben, melden sich immer mehr Arbeitgeber, die ein betriebliches Konfliktmanagement aufbauen wollen. Bei Siemens etwa gilt: Wenn Mitarbeiter einen Streit nicht unter sich ausmachen können, wenden sie sich an einen Vorgesetzten oder als nächste Instanz an einen Schlichter in der Personal- oder Rechtsabteilung. Mediatoren-Verbände oder Industrie- und Handelskammern bilden Vermittler in 100- bis 200-stündigen Sitzungen aus. Rund tausend zertifizierte Mediatoren gibt es zurzeit mit Schwerpunkten wie Personal, Wirtschaft oder Scheidung.

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