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Innovationen

Chief Scientist: Zwischen Wirtschaft und Wissenschaft

Stefanie Müller
Ein Chief Scientist hält Unternehmen und Regierungen auf dem neuesten Wissensstand – damit sie Innovationen nicht verschlafen.
Chief Scientists brauchen WeitblickFoto: © Stephan Benik -aboutpixel.de
Ein Chief Scientist hält Unternehmen und Regierungen auf dem neuesten Wissensstand – damit sie Innovationen nicht verschlafen.Siemens hat gleich mehrere davon, IBM kann nicht ohne ihn, die US-Raumfahrtbehörde Nasa und auch Google wollen ebenfalls nicht auf ihn verzichten: Gemeint ist der Chief Scientist, zu Deutsch der Chef-Wissenschaftler. Vor allem durch den Internetboom hat dieser sehr gut dotierte Mittler zwischen Hochschulen, Tech-Labors und Unternehmen in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen.

Die besten Jobs von allen

Der Chef-Forscher arbeitet meist unabhängig von einer Abteilung und versucht, aus den Ideen, die im Hörsaal und im Labor entstanden sind, solche herauszupicken, die für die jeweilige Branche interessant sein könnten. Dafür reisen die meist mehrsprachigen Experten rund um den Erdball, haben häufig selbst Lehraufträge an Universitäten, und stehen als Dozent in ständigem Kontakt mit Wissenschaftlern von anderen Hochschulen.Unter Vertrag genommen werden Chief Scientists, die meist über 40 Jahre alt sind, vor allem von Technologieunternehmen. Siemens hat solche klugen Köpfe rund um den Globus platziert, aber auch die deutsche Automobilindustrie setzt auf die Mittler zwischen Uni und Unternehmen.In Israel, Großbritannien und den USA arbeiten die Chef-Forscher bereits seit mehr als 20 Jahren Hand in Hand mit der Wirtschaft und mit der Politik. So wählt zum Beispiel der Chief Scientist der israelischen Regierung die Unternehmensideen aus, die vom Staat mit Subventionen bedacht werden sollen oder die für staatliche Beteiligungen interessant sein könnten. Bis vor wenigen Jahren war Orna Berry dafür zuständig, eine der wenigen Frauen in diesem Business. Weibliche Führungsqualitäten sind jedoch gefragt: „Man muss zuhören können“, meint die Datenspezialistin, die vorher bei Siemens gearbeitet hat und jetzt wieder als Risikokapital-Partnerin in der Wirtschaft tätig ist.Einen Chef-Forscher am Kabinettstisch fordert auch Ernst-Ludwig Winnacker, Chef der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): „Entscheidungen der Regierung müssen auf dem neuesten Stand der Wissenschaft basieren“, argumentierte er im Handelsblatt. Natürlich könne es nicht schaden, dass die Kanzlerin Angela Merkel Naturwissenschaftlerin ist. „Hätten wir einen Chief Scientist gehabt, wäre etwa die Diskussion um Fragen der Demographie, der Gentechnik oder der Kernenergie mit Sicherheit anders gelaufen.“ Als Vorbild sieht Winnacker Großbritannien. Tony Blair vertraut seit langem auf einen Chief Scientist an seiner Seite.Aber nicht jeder Wissenschaftler ist für den Job zwischen Uni, Politik und Geschäftsberichten geeignet, denn der hat auch sehr viel mit Marketing zu tun. Da reicht nicht nur eine Liste von guten Forschungsergebnissen. „Es ist auch viel Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis notwendig“, betont Chief Scientist Andreas Weigend. Der 46-jährige Deutsche bringt gute Voraussetzungen mit, da er neben Physik auch Philosophie studiert hat. Seinen Doktor erwarb der hoch gewachsene und kommunikationsstarke Wissenschaftler an der US-Elite-Universität Stanford.Seine Lehrtätigkeit behielt er bei, als er bei Unternehmen wie Xerox und Amazon arbeitete. Beim Internet-Buchhändler hat er als Chief Scientist eine verkaufsfördernde neuartige Technologie entwickelt. So bekommt der Kunde, der gerade bei Amazon ein bestimmtes Werk gekauft hat, weitere passende Kaufempfehlungen. „Weigend gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die auch gut reden können, und er ist deswegen besonders geeignet für diesen Job“, ist Gabriel Aldamiz-Echevarria, Teilhaber von Musicstrands, einer Musikempfehlungsseite im Netz, überzeugt. Er konnte Weigend für ihr Projekt gewinnen.Wie bei vielen Chief Scientists hat Weigends Dozentur in Physik nur noch wenig mit dem zu tun, wie er heute Unternehmen berät: „Aber es hat eindeutig die Messleidenschaft für Marketingzwecke in mir geweckt – und die brauche ich inzwischen bei allen meinen Jobs.“
Dieser Artikel ist erschienen am 01.08.2006

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