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Gesundheitsbranche

Betriebswirte mit Medizinwissen gesucht

K. Stricker, D. Fröhlich
Die Kosten in der Gesundheitsbranche steigen stetig. Kliniken und auch Krankenkassen suchen daher Betriebswirte mit Medizinwissen, die rechnen und Ärzte führen können.
Perfekte Kombination: BWLer mit MedizinwissenFoto: © Yanik Chauvin - Fotolia.com
Acht Prozent mehr für Ärzte und Klinikpersonal - der aktuelle Tarifabschluss im öffentlichen Dienst beschert Krankenhausmitarbeitern ein kleines Plus auf dem Konto. Viele Kliniken allerdings könnte die Tarifeinigung in Geldnot stürzen und zwingen, kräftig zu sparen und neue Erlösmodelle aufzutun. Wo effizient gewirtschaftet und stets kalkuliert werden muss, ist der Bedarf an Finanzexperten groß. "Klinik- und Gesundheitsmanager und vor allem Medizincontroller sind aktuell sehr gefragt", sagt Silvia Dobrindt, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Unternehmensberatung Kienbaum.Denn Effizienzsteigerung ist in vielen der 2 100 Kliniken hierzulande dringend notwendig, wie Zahlen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) Essen zeigen. Danach haben 2006 nur 43 Prozent aller deutschen Krankenhäuser einen Jahresüberschuss erzielt; 34 Prozent schrieben eine schwarze Null, 23 Prozent machten Verluste. Aufgrund der Tarifabschlüsse rechnet Boris Augurzky, Leiter des Fachbereichs Gesundheit beim RWI, künftig mit einer erheblichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage vieler Kliniken. Für das laufende Jahr prognostiziert er, dass der Anteil der Krankenhäuser mit Verlust auf 52 Prozent ansteigen wird.

Die besten Jobs von allen

"Der Bedarf an Controllern wird weiter wachsen"Schlecht für die Kliniken, gut für Hochschulabsolventen und junge Berufstätige. Denn, so schätzt auch Augurzky, "der Bedarf an fähigen Krankenhausmanagern und Controllern wird weiter wachsen." Nicht nur private Klinikbetreiber wie Asklepios, Rhön und Helios suchen Fachkräfte, die einen Mix aus BWL und Gesundheitswissen mitbringen. Auch kommunale und gemeinnützige Krankenhäuser brauchen kühle Rechner, um sich gegen die private Konkurrenz zu behaupten; ebenso die gesetzlichen und privaten Krankenkassen. Den gefragten Wissensmix vermitteln zahlreiche Spezialstudiengänge, wie etwa "BWL im Gesundheitswesen" an der FH Osnabrück, "Gesundheitsökonomie" an der Uni Köln oder "Pflege- und Gesundheitsmanagement" an der Hochschule Bremen.
Foto: © Junge Karriere Nr. 05 vom 01.05.2008 Seite 42
Und jedes Jahr kommen neue Angebote hinzu: Zum Wintersemester startet etwa die FH Braunschweig einen Bachelor-Studiengang "Controlling und IT in der Gesundheitswirtschaft", die Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin bildet ab dem Winter Gesundheitsmanager aus. Beliebt sind die Studiengänge vor allem bei Quereinsteigern, die bereits in Krankenhäusern gearbeitet haben, sagt Tobias Immenroth, Berater im Fachbereich Gesundheitswirtschaft der FH Braunschweig: "Ein Drittel bis die Hälfte unserer Studienanfänger bringen Erfahrung als Krankenschwester, Altenpfleger oder Rettungssanitäter mit oder haben zumindest den Zivildienst oder ein freiwilliges soziales Jahr im Gesundheitswesen absolviert." Auf den Stundenplänen der Health-Care-Studiengänge stehen in der Regel neben den klassischen BWL- und VWL-Fächern auch Qualitäts- und Versorgungsmanagement im Klinikalltag, Epidemiologie - also die Ursachen und Folgen von Krankheiten - sowie Gesundheitspolitik, Medizinrecht und Gesundheitsenglisch. "Zudem sollen unsere Studenten auch die wichtigsten medizinischen Fachbegriffe lernen, damit sie später mit Ärzten und Therapeuten auf Augenhöhe sprechen können", sagt Philip Janda, Dekan der Fakultät Gesundheitswissenschaft der Hochschule Gesundheit und Sport in Berlin. "Gefragt sind Leute, die die Brücke zwischen BWL-Wissen und medizinischer Versorgung schlagen können", sagt Silvia Dobrindt von Kienbaum - und zwar in großer Zahl. "Theoretisch benötigt jedes Krankenhaus pro zwei Fachabteilungen einen Medizincontroller.Bundesweit ergibt sich daraus ein Bedarf von einigen Tausend Fachleuten für diesen Bereich", schätzt die Expertin. Schon im Studium versuchen die Unternehmen daher die besten Studenten herauszufiltern und durch Praktika und Abschlussarbeiten an sich zu binden. Wer so bereits während des Studiums erste Kontakte knüpft, kommt nach dem Examen meist zügig unter und hat sehr gute Aufstiegschancen. So wie die 31-jährige Melanie Moser, die bereits seit zwei Jahren Geschäftsführerin einer Helios-Klinik ist. Die privaten Klinikbetreiber locken Einsteiger wie die junge Betriebswirtin mit interessanten Jobs und besten Zukunftsaussichten. Ihnen gehört nach dem aktuellen Gesundheitsreport des Marktforschungsunternehmens HPS Research die Zukunft. Vor allem die vier großen Player Asklepios, Rhön, Helios und Sana seien auf Einkaufstour und werden den Markt in den kommenden Jahren unter sich aufteilen.

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