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Mein schlimmster Job

Beim Kohl-Interview streikte das Band

Mariam Schaghaghi
In der Handelsblatt-Serie "Mein schlimmster Job" erzählen Prominente aus Wirtschaft, Politik und Kultur von ihren ersten skurillen Erfahrungen im Berufsleben. Diesmal: Rüdiger Ditz, Chefredakteur von Spiegel online. Als Jung-Reporter traf er den Bundeskanzler und verzweifelte fast an der Technik.
Rüdiger Ditz (46) ist seit 2008 Chefredakteur von Spiegel onlineFoto: © PR
Mein schlimmster Job? Ich war Mitte 20 und als freier Mitarbeiter in der Sportredaktion des Süddeutschen Rundfunks gelandet. An einem Sonntag kam der Auftrag: eine Reportage über die Deutschen Jugendmeisterschaften im Tennis in Ludwigshafen. Anke „die Milchschnitte“ Huber wurde dort Meisterin. Und Kanzler Helmut Kohl sollte die Pokale verleihen. Das Turnier ging bis 14 Uhr. Ich hatte alle O-Töne, war eigentlich abfahrbereit – nur Kohl fehlte mir noch. Die im Sender hatten gesagt: „Den musst Du haben!“ Um vier ging die Sendung los, und vorher musste ich die O-Töne noch schneiden. Also wartete ich ziemlich ungeduldig.Dann kam er. Die Bodyguards ließen mich erstmal nicht durch. Kohl trank in aller Ruhe Kaffee und aß Kuchen. Irgendwann wurde ich dann vorgelassen, stand ihm gegenüber und konnte losschießen mit meinen Fragen zu Tennis, Sportförderung und natürlich Anke Huber. Super, dachte ich, dann schaff’ ich’s ja knapp zur Sendung. Und spule kurz das Band zurück, ob die Aufnahme auch drauf ist.

Die besten Jobs von allen

Stille. Ich spule weiter – auch nichts. Was soll ich sagen: aus Aufregung muss ich irgendwo drauf gekommen sein und die Aufnahme versaut haben. Jedenfalls war auf dem Band kein Kohl drauf.Mir war heiß und kalt zugleich. Ich geh’ doch nicht zum Kanzler und bring’ dann nichts mit, fluchte ich innerlich. Die Blöße konnte ich mir nicht geben. Ich raste also zurück in Richtung Kohl, aber da begann just die Preisverleihung. Ich versuchte an den Kanzler heranzukommen, doch die Bodyguards drängten mich ab. Immer und immer wieder. Bis ein Kollege, der Kohl gut kannte, hinging und ihm was von meiner Misere zuflüsterte. Aber Kohl blieb stoisch. Ich saß wie auf Kohlen.Irgendwann guckte er rüber, winkte mich ran, blickte mich etwas abschätzig an, lächelte und fragte: „Na, was ist denn los?“ „Tja, sorry“, stotterte ich, „irgendwie technische Probleme.“ Und dann durfte ich noch mal. Ich musste gar nichts mehr fragen, er hat von allein die Antworten wiederholt – obwohl das eine gute Stunde später war! Ich raste zurück ins Studio und platzte gerade noch rechtzeitig in die Sendung.Noch bei der Moderation keuchte ich wie nach einem zweistündigen Tennismatch. Damals habe ich gelernt: cool bleiben, in welcher Situation auch immer. Es hilft nichts, man muss alles in Ruhe kontrollieren, selbst wenn der Bundeskanzler wartet. Sonst kann’s richtig in die Hose gehen.Lesen Sie mehr über schlimmste Jobs:
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Dieser Artikel ist erschienen am 08.09.2010

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