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Fest oder frei arbeiten?
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Kreativität und Innovation

Befreiung aus der Festanstellung

Interview: Stefani Hergert
Die Arbeitswelt tickt schneller denn je. Deshalb ist der Organisationsforscher Ayad Al-Ani überzeugt davon, dass die Festanstellung ihre Hoch-Zeit hinter sich hat. Heute bringen einstige Mitarbeiter als Freiberufler wieder mehr Kreativität in die Firmen – und auch die Internetgemeinde schafft dort Innovationsfreude.
Am Ende nimmt er sich doch mehr Zeit als geplant. Fast zwei Stunden dauert das Gespräch mit dem Organisationsforscher Ayad Al-Ani in einem Düsseldorfer Café. Dass sein Blick in die Zukunft so manchem Angst machen könnte, mag er nicht sehen. In der Arbeitswelt der Zukunft könne doch jeder endlich das tun, was ihm wirklich Spaß mache, argumentiert er.

Herr Al-Ani, Sie sind der Überzeugung, dass der Arbeitswelt ein radikaler Wandel bevorsteht. Warum?

Die Unternehmen in ihrer heutigen Struktur haben keine Zukunft, weil sie nicht mehr genügend Innovationen hervorbringen und nicht noch mehr sparen können. Deshalb sind sie mehr und mehr bereit, gemeinsam mit anderen Unternehmen Probleme anzugehen oder sogar die anonyme Netzgemeinde um Hilfe zu bitten. Diese Crowd wird immer wichtiger, weil sie günstiger oder sogar kostenlos ist und endlich wieder Kreativität und Innovation in die oft nur mehr "schlanken" Firmen bringt.

Mehr Kreativität und Innovation: Wie soll das gelingen?
Organisationsforscher Ayad Al-AniFoto: PR
Der Wettbewerb ist heute so intensiv, die Unternehmen müssen in immer schnellerem Takt Innovationen hervorbringen und brauchen dafür kluge Leute. Es gibt zwei Stufen: Auf der ersten bauen Firmen zum Beispiel eine Plattform auf, über die sie ihre eigenen Mitarbeiter vernetzen, aber auch mit Externen zusammenarbeiten können. Das ist sinnvoller, als etwa einen spanischen Ingenieur nach Buxtehude zu holen. In der zweiten Stufe suchen sich Unternehmen Rat von der Crowd, etwa, um ein ganz bestimmtes Problem zu lösen.

Warum setzen Unternehmen auf die Crowd?

Der Hyperwettbewerb zwingt dazu: Die Lebenszyklen der Produkte verkürzen sich und immer mehr Nachahmer kommen auf den Markt. Wenn man pausenlos neue Ideen braucht, kann man nicht nur auf die eigenen Mitarbeiter setzen. Es passiert ja gleichzeitig etwas sehr Spannendes außerhalb der Firmen. Die Menschen bringen sich in ihrer Freizeit in Netzwerken oder auf Internetplattformen ein, entwickeln etwa freie Software. Die Intelligenz wird künftig nicht mehr im Unternehmen, sondern in der Crowd sein und Unternehmen werden sich etwas einfallen lassen müssen, um an diese Intelligenz zu gelangen.

Wie genau soll das aussehen? Ein Autobauer wird doch nicht ein ganzes Auto von der Crowd entwickeln lassen.

Nein, aber einen Teil. Fiat etwa hat sein Modell Mio für den brasilianischen Markt komplett von Internetnutzern designen lassen. Firmen müssen sich an den richtigen Punkten öffnen, mit anderen Firmen und der Crowd zusammenarbeiten. Ich nenne das Netarchie. Einige innovative Unternehmen wie Procter & Gamble, Coca-Cola, IT-Firmen, aber auch Kommunen machen das schon. Procter & Gamble involviert die Crowd laut eignen Angaben bei mehr als der Hälfte ihrer Produktentwicklungen. Und Coca-Cola fordert seine Kunden auf der Cola-Flasche auf, ihnen Geschichten zu schicken. Daraus entwickeln sie ihre Marketinginhalte. Die kommen also nicht mehr von der Marketingabteilung oder einer Agentur, sondern von den Kunden.


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