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Arbeitswelt
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Selbstbild und Verhaltensprägung

Bedrückender Blick auf die heutige Arbeitswelt

Interview: Ferdinand Knauß, wiwo.de
Die ganz normalen Abgründe der Arbeitswelt zeigt der Schriftsteller Philipp Schönthaler in einem bedrückenden Roman auf. Ein Gespräch über emotionale Selbstoptimierer, lückenlose Lebensläufe und die Rolle der Literatur.
Vom poetischen Titel Ihres Romans "Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn" darf man nicht auf den Inhalt schließen. Sie präsentieren darin eine hocheffiziente Welt der Produktmanager, der Coaches und Headhunter, die mit fröhlichem Gesang nichts zu schaffen haben. Ist das wirklich die Lebenswelt der so genannten Hochqualifizierten?

Mein Anspruch liegt weniger in einer realistischen Darstellung. Mir geht es eher darum zu fragen, wie diese heutige Arbeitswelt funktioniert. Wie der Diskurs der Unternehmensberater und die Ideen, die dahinter stecken, die institutionell verankerten Coachings, die Bewerbungsverfahren und Personalevaluierungen der Unternehmen das Selbstbild und Verhalten der Menschen prägen. So ist in jedem Test- oder Evaluationsbogen aus dem Personalbereich eine Erzählung darüber angelegt, wie Menschen funktionieren und funktionieren sollen.

Und entscheidend ist eben, dass die Adressierung immer eine doppelte ist: Eine Leistung wird als Istzustand registriert, aber sie wird immer auch als Potential evaluiert, das heißt als Möglichkeit und Maßgabe der Verbesserung. Ein anderes Beispiel, das mich im Roman interessiert, sind die Firmenzentralen heutiger Großkonzerne. Auch hier, in diesen transparenten Glasbauten mit atmosphärischen work spaces und Entspannungsoasen, materialisieren sich sehr präzise Vorstellungen eines erwünschten Menschen.

Die Personen ihres Romans optimieren nicht nur ihr Unternehmen oder ihre Arbeit, sondern sich selbst – zumindest versuchen sie es. Karriere-Manager Erik redet sich beim leisesten Selbstzweifel immer wieder ein, dass er gut ist, seine Trainerin Pamela bekämpft ihre Schlaflosigkeit nach neuesten Methoden im Schlaflabor, und die erfolglose Dauerbewerberin Rike geht zum Psychotherapeuten, um ihre Aufregung in den Griff zu kriegen.

Meine Romanfiguren können eben keine Grenze mehr ziehen zwischen dem beruflichen Selbst und dem privaten. Diese Grenze ist kollabiert. Und daher rührt vielleicht auch eine klaustrophobische Stimmung im Roman. Dies ist ja gerade die Logik der Management- und Coachingliteratur, dass ich immer schon selber beides in einer Person bin: Beobachter und Beobachteter, Prüfer und Prüfling.

Und Gefühle spielen in dieser Welt der totalen Effizienzsteigerung keine Rolle?

Im Gegenteil, in Management-Ratgebern gehören die emotionalen neben den kommunikativen Kompetenzen zu den Schlüsselqualifikationen. Um eine gute Führungskraft zu sein, muss ich meine Gefühle gut kennen, beherrschen und einsetzen können, um andere mitzureißen. Das entscheidende ist meiner Meinung nach, dass die Emotionen als Sozialkompetenz zu etwas Formbaren geworden sind: Emotionen lassen sich nun gleichfalls managen und das heißt eben auch effizient und besser einsetzen.

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