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Arbeitsmarkt

Ausländische Fachkräfte kehren Deutschland den Rücken

Teil 5: Unnötige und lästige Sprachkurse

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Foto: D. Schütz/Pixelio
 
Dagegen betrachten alte Kolonialmächte und Handelsnationen wie Frankreich, Großbritannien oder die Niederlande Zuwanderung seit Jahrhunderten als selbstverständlichen Teil ihrer Gesellschaft und machen sich über Zuwanderergruppen erst Gedanken, wenn diese im Land sind. In Deutschland hingegen war das Konzept der Zuwanderung zu lange mit der Idee des deutschen Bluts verknüpft.

Bis zur Reform des Ausländerrechts im Jahr 2000 und der Einführung doppelter Staatsbürgerschaften galt zwar ein Wolgadeutscher, dessen Vorfahren im 18. Jahrhundert das Land verlassen hatten, als Staatsbürger, nicht aber das in Deutschland geborene Kind türkischer Zuwanderer. Dieser Geist lebt fort.

Die besten Jobs von allen


Genügt in vielen Ländern die legale Anwesenheit, um legitimer Teil einer Gesellschaft zu sein, muss man zwischen Oder und Rhein seine Deutschen-Eignung beweisen. So mag der verpflichtende Sprachkurs für die auf Lebenszeit nachziehende Ehefrau optimal sein, für die Familie des hochbezahlten Jobnomaden im internationalisierten Arbeitsumfeld ist sie schlicht lästig.

Die Liste der bürokratischen Hindernisse auf dem Weg zu einer Arbeitsstelle in Deutschland setzt sich auch nach der ersten Einreise ins Land fort. Nicht-EU-Ausländer, die während ihres Studiums ein Praktikum absolvieren, müssen ab einer Dauer von 90 Tagen Vorrangprüfungen über sich ergehen lassen. In denen wird nachgewiesen, dass kein Deutscher die Stelle übernehmen könnte.

Schlecht qualifizierte Zuwanderer werden genötigt, statt nach Jobs zu suchen, so lange an Integrationskursen teilzunehmen, bis sie das geforderte Sprachniveau erreicht haben. Dabei räumen Lehrkräfte in den Kursen ein, dass viele deutsche Schulabbrecher kaum Chancen hätten, den Test zu schaffen. Die Erfolgsquoten in den Kursen liegen nur knapp über 50 Prozent.

Viele Verbote, wenige Ausnahmen

Das einschlägige Aufenthaltsgesetz ist daher eine Ansammlung vieler Verbote und Ausnahmen. Die 107 Paragrafen bilden zwar die perfekte formale Voraussetzung für die Zuwanderung der besten Köpfe der Welt. Bloß: Sie verbergen das so gut, dass ihre Ausnahmen kaum je zur Anwendung kommen.

So war es auch bei Ding Yan weniger eine konkrete Regel als vielmehr ein abstraktes Gefühl, das sie nach ihrem Studium aus Deutschland vertrieben hat. Zwar scheiterten einzelne Bewerbungen an der Vorrangprüfung, aber auch die auf ein Jahr begrenzte Frist für die Jobsuche setzte sie unter Druck. Ihr Fazit lautet: "Ich habe mich bewusst für China entschieden, weil mir die Tore in den Arbeitsmarkt weiter offen schienen."

Daher sind es weniger neue Gesetzespläne, eher schon Menschen wie Christian Bernreiter, die Hoffnung geben, dass der Zuzug qualifizierter Fachkräfte in den deutschen Arbeitsmarkt doch noch klappt. Bernreiter ist Landrat im niederbayrischen Deggendorf, wo junge Menschen knapp und offene Arbeitsplätze reichlich sind. Gerade aus den vielen Schlachtbetrieben und der Hotellerie in der Region hat er zuletzt oft von Nachwuchssorgen gehört.

Optimale Konstellation

Als ihn das Jubiläum eine Schulpartnerschaft Deggendorfs mit der bulgarischen Gemeinde Burgas im vergangenen Jahr ans Schwarze Meer brachte, ergriff Bernreiter die Gelegenheit beim Schopfe. "Mehr als zwei Drittel der Schüler dort lernen Deutsch als erste Fremdsprache", so Bernreiter. Zusammen mit den extremen Lohnunterschieden, die schon ein deutsches Azubi-Gehalt über das übliche bulgarische Familieneinkommen erheben, ergab sich eine optimale Konstellation.

Nach Monaten der Koordination mit Behörden und Unternehmen ist es Ende des Monats so weit: Mit gut 20 Stellenangeboten und einer Handvoll Unternehmensvertretern fliegt er noch einmal nach Burgas, veranstaltet mit den Behörden vor Ort eine kleine Jobmesse. Im September sollen dann die bulgarischen Azubis ihre Stellen in Bayern antreten. Bernreiter findet bereits erste Nachahmer. Nachbarlandkreise springen auf seine Initiative auf, in Sachsen kopiert eine Handwerkskammer das Konzept, wirbt um tschechische Azubis.

Die ersten Erfolge dieser Initiativen zeigen: Der Schlüssel zu mehr qualifizierter Zuwanderung liegt nicht in der nächsten Wendung im verworrenen deutschen Gesetzesdickicht – sondern darin, endlich in die Welt rauszugehen und den Menschen davon zu berichten, dass sie hier willkommen sind

Zuerst erschienen auf wiwo.de.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.06.2011

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