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Misserfolg

Aus dem Scheitern lernen

Teil 6

Banker Ivo Ehreke, 31, verlor seinen Job. Dann wechselte er die BrancheFoto: © Frank Rothe
Ivo Ehreke, 31, Berater
"Eine Mitarbeiterversammlung brachte Klarheit: Mein Bereich sollte ausgegliedert und verkleinert werden. Und nach der Sozialauswahl war ich dran. Bis dahin hatte ich in der Kreditanalyse-Abteilung der Berliner Volksbank entschieden, ob Firmenkunden Kredite von mehr als einer halben Million Euro bekommen. Den Aufhebungsvertrag unterschrieb ich trotz der Krise ohne Verbitterung. Die Abfindung verschaffte mir einen Puffer, und die Bank bot ihren scheidenden Mitarbeitern zusätzlich eine kostenlose Outplacement-Beratung an. In sechs Einzelgesprächen habe ich mit der Betreuerin meine Stärken analysiert und geschaut, welche Einsatzmöglichkeiten außerhalb der Bankenbranche spannend sein könnten.
Wir haben meinen Lebenslauf getrimmt, Bewerbungsgespräche simuliert, und die Beraterin hat akribisch den Arbeitsmarkt sondiert und mir Angebote vorgelegt. Um meine fünfmonatige Arbeitslosigkeit zu überbrücken, half ich im Betrieb meiner Eltern bei der Beförderung behinderter Menschen aus. Als meine Beraterin mir dann von einer Stelle bei der Berliner Spezialberatung Kock & Voeste erzählte, die Ärzten und anderen Heilberuflern in finanzieller Schieflage hilft, ihre Praxis zu sanieren, war mein Interesse sofort geweckt. Die Stelle war nicht offiziell ausgeschrieben, ich habe sie aber sofort bekommen. Meine Beraterin hat mich sehr gut eingeschätzt und vorbereitet. Der Branchenwechsel hat sich gelohnt: Mein heutiger Analyse-Job ist viel abwechslungsreicher, ich habe direkt mit Mandanten zu tun und komme auch mehr rum. Wir sind ein kleines Team von 13 Leuten, mein Chef arbeitet mich persönlich ein. In der Bank war ich lediglich eine Personalnummer, bei meinem neuen Arbeitgeber gibt es so was erst gar nicht." .Lars Hinrichs, 32, Xing-Gründer
 "Wie im Rausch verlief die Gründung der Böttcher Hinrichs AG in der New-Economy-Ära - im Jahr 2000 schien alles möglich. Die Gesetze der Finanzmärkte waren außer Kraft gesetzt. Mein Partner und ich fühlten uns als New Kids on the Block - mit Superkräften. Die Anleger waren genau so verrückt wie wir. Doch dann platzte die Blase und wir mussten erkennen, dass wir unsere Internet-Service-Agentur auf Sand gebaut hatten: Die vermeintlich lukrative Marktnische gab es nicht mehr, die anderen Start-ups, denen wir unseren Service und unsere Software verkaufen wollten, gingen reihenweise Pleite. Und genau dann bestand unser staatlicher Geldgeber, trotz finanzieller Rücklagen von fast einer Million Mark, auf der vollen Rückzahlung des Kredits. Wir mussten Insolvenz anmelden. Meinen damals 35 Mitarbeitern das beizubringen, war eine bittere persönliche Erfahrung. Sie bei anderen Firmen unterzubringen, meine oberste Maxime. Doch schon im Moment der Insolvenz war mir klar, dass ich wieder etwas Neues gründen würde.

Die besten Jobs von allen

Ich komme aus einer Unternehmerfamilie und arbeite gern für den eigenen Erfolg. Um mir darüber klar zu werden, warum genau wir insolvent gegangen sind, und um es beim nächsten Mal besser zu machen, habe ich mich hingesetzt und etwa 100 Punkte aufgelistet, an denen wir gescheitert sind. Nach dieser Analyse habe ich einen Schlussstrich gezogen, bin drei oder vier Monate gereist, habe viel gelesen. Dabei ist mir die Idee für das Online-Netzwerk OpenBC gekommen, dem späteren Xing. Als ich fünf Jahre später den Chefsessel bei Xing geräumt habe, war es immer noch das einzige Web-2.0-Unternehmen an der Börse, mit aktuell acht Millionen Mitgliedern. Weil ich eine weitere meiner Gründungsideen realisieren wollte, habe ich ebenfalls eine abschließende Analyse gemacht: Diesmal enthält die Liste 128 Punkte - über die Hälfte sind Dinge, die positiv gelaufen sind."

Fair Company | Initiative

 

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