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Misserfolg

Aus dem Scheitern lernen

Claudia Obmann, Annina Reimann
Arbeitslos, pleite, durchgefallen - Misserfolge können einen leicht aus der Bahn werfen. Doch Scheitern ist keine Schande mehr. In der Krise ist es sogar an der Tagesordnung. Wichtig ist, nach Rückschlägen wieder aufzustehen. So gelingt das Comeback.
Ivo Ehreke ließ den Kopf nicht lange hängenFoto: © Frank Rothe
Er fühlte sich wie Supermann, war es aber nicht. Als er abheben wollte, als er die alte und die New Economy zusammenbringen wollte, fiel er hin. Die Investoren, die vorher noch fasziniert von seiner Internet-Service-Agentur gewesen waren, wendeten sich ab, als die ersten Kunden Pleite gingen und ihn mitzureißen drohten. Der gefühlte Supermann musste Insolvenz anmelden und 35 Mitarbeiter entlassen. 2002, keine drei Jahre nach der Gründung, war Lars Hinrichs gescheitert.Wenn der 32-jährige Hamburger heute über diese "bittere persönliche Erfahrung" spricht, klingt er nicht verbittert. "Wir haben jeden Fehler gemacht, den man nur machen kann", sagt er, entscheidend sei aber gewesen, dass er diese erkannt und seine Lehren daraus gezogen habe. Und aufzugeben kam für ihn ohnehin nicht infrage. "Schon im Moment der Insolvenz war mir klar, dass ich etwas Neues gründen würde." Nur ein Jahr später ging sein neues Netzwerk online. Der Name: OpenBC, heute Xing. Die aktuelle Mitgliederzahl: mehr als acht Millionen.

Die besten Jobs von allen

In Krisen wächst die Zahl derjenigen, die scheitern. Das war zur Zeit der New Economy so, und das ist heute auch der Fall. Angestellte verlieren ihre sicher geglaubte Anstellung, Studenten fallen wegen des erhöhten Leistungsdrucks durch Prüfungen, junge Gründer sind den Anforderungen, die ein eigenes Unternehmen an sie stellt, nicht gewachsen. Dass auch Konzernlenker wie Wendelin Wiedeking, ehemals Porsche, und Thomas Middelhoff, ehemals Arcandor, Niederlagen einstecken und gehen müssen, zeigt zwar, dass es jeden erwischen kann. Und im Fernsehen gehören gescheiterte Existenzen, denen Berater wieder auf die Beine helfen, zum alltäglichen Programm. Schmerzhaft ist die Erkenntnis, mit einer Idee gegen die Wand gefahren zu sein, aber trotzdem immer.Wertlos ist die Erfahrung jedoch nie. Was im ersten Moment nach dem absolutem Tiefpunkt aussieht, kann der Ausgangspunkt für ein Comeback sein. Misserfolge sind die wichtigsten Lernerfahrungen des Lebens, sagt Thomas Frey, Diplom-Psychologe und Führungskräfte-Coach aus Heidelberg. "Nur wer scheitert, weiß, wie nachhaltiger Erfolg funktioniert. Er reift als Persönlichkeit und erschließt sich zusätzlich Kraft und Kreativität" (siehe Interview). Kluge Scheiterer sind in der Lage, ein verpatztes Vorhaben abzubrechen, den Fehlschlag zu akzeptieren, loszulassen und einen zweiten Anlauf zu wagen. So wie Lars Hinrichs es getan hat. Oder wie Ivo Ehreke.Scheitern ist eine wertvolle ErfahrungBis Ende 2008 hatte der 30-Jährige bei der Berliner Volksbank Kreditanträge bewilligt (Porträt Seite 6). Eine verantwortungsvolle Aufgabe. Firmen wurden bei ihm vorstellig und präsentierten ihr Konzept, und Ehreke entschied, ob seine Bank Summen von mehr als einer halben Million Euro gewähren sollte.Dann kam die Krise. Das Wort Restrukturierung waberte über die Flure und es traf Ehreke. Fünf Monate lang war er arbeitslos, aber er verzweifelte nicht. Er hatte sich nebenberuflich fortgebildet und BWL an einer FH studiert. Und jetzt half er zunächst im Unternehmen seiner Eltern aus, ließ sich coachen und fand schließlich bei einer auf den medizinisch-sozialen Bereich spezialisierten Beratung eine neue Anstellung. Der alten Zeit trauert er nicht nach. "Der Branchenwechsel hat sich gelohnt. Mein heutiger Job ist viel abwechslungsreicher, ich habe direkt mit Mandanten zu tun und komme auch mehr rum." Er berät jetzt Ärzte, die mit ihrer Praxis in eine finanzielle Schieflage geraten sind. Seine persönliche Erfahrung des Scheiterns kann er gleich mit einbringen.Ivo Ehreke hat instinktiv richtig gehandelt, sagt Psychologe Thomas Frey. Denn "ein Gescheiterter, der nicht persönlich Schuld ist, motiviert sich am besten nach der Devise: ,Wer vom Pferd fällt, sollte schnell wieder aufs Pferd steigen.' Also: nächstes Projekt, nächste Aufgabe, neuer Fokus. Die Energie auf das lenken, was gestaltbar ist."

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