Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Stress

Auftanken statt ausbrennen

Claudia Obmann
Der Stresspegel in der deutschen Wirtschaft steigt. Personaler schlagen Alarm, die psychisch bedingten Fehlzeiten von Führungskräften nehmen zu – kollektiver Burnout droht. Erste Arbeitgeber bieten Krisenunterstützung und Entspannungsprogramme.
Miriam MeckelFoto: C. Stahel
Als alle dachten, für diese Powerfrau geht es auf der Karriereleiter unaufhaltsam nach oben, fiel sie in ein tiefes emotionales Loch. Miriam Meckel, mit 31 Jahren die jüngste Professorin Deutschlands, später Regierungssprecherin und Staatssekretärin, gestand sich und allen anderen ein: „Ich kann nicht mehr.“ Sie sagte alle Termine ab, verzichtete auf alle Posten und sortierte Arbeit und Privatleben neu. „Ich habe mich selbst permanent überfordert“, veröffentlichte sie in ihrem Buch „Brief an mein Leben“.

So offen wie Meckel, heute 44 Jahre alt und inzwischen Institutsleiterin an der Uni St.Gallen, gehen die wenigsten Betroffenen mit ihrem Burnout-Syndrom um. Schon gar nicht in Managerkreisen.

Die besten Jobs von allen


Dafür schlagen Personalchefs jetzt Alarm: Die Zahl der Führungskräfte in Deutschland, die beruflichem Dauerstress zum Opfer fallen, steigt. Und wird auch weiter stark zunehmen. In einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, erklären 85 Prozent von rund 200 befragten Personalchefs nicht nur, dass die Fehlzeiten wegen psychischer Beanspruchung in ihrem Unternehmen in den letzten zwei Jahren gestiegen sind, sondern fast so viele von ihnen rechnen mit einer weiteren Zunahme stressbedingter Personalausfälle in den nächsten fünf Jahren.



Die besten Jobs von allen

„Egal, ob Konzern oder Mittelstand – dort, wo Kundenkontakt herrscht und Emotionen und Termindruck eine große Rolle spielen, sind die Mitarbeiter sehr stark belastet“, sagt DGFP-Studienleiter Sascha Armutat. Herz-Kreislaufbeschwerden, Tinnitus, Schlafstörungen, Magen-Darmprobleme, Kopf- und Rückenschmerzen sowie Depressionen oder Alkoholsucht deuten auf Überlastung am Arbeitsplatz hin.

Am stärksten leiden die Beschäftigten in der IT-, Medien- und Telekommunikationsindustrie an Überlastung, aber auch in der Beratung und im Handel herrscht mächtig Druck. Im Finanzdienstleistungswesen hat sich der Stresspegel durch die Finanzkrise deutlich gesteigert. Bei der Commerzbank werden die rund 60.000 Mitarbeiter von rund 40 Sozialarbeitern und Psychologen betreut.

Besonders betroffen sind offenbar die unteren und mittleren Ränge des deutschen Führungskaders. Bei Team-, Gruppen- und Abteilungsleitern häuft sich laut DGFP-Studie inzwischen das auffällige Arbeitsverhalten der vormals zuverlässigen Kräfte. Ob Produktion, Marketing, Controlling oder Service – Leistung, Benehmen und Erscheinungsbild der Manager sind nicht länger untadelig: Fehler häufen sich, bei Konflikten fließen Tränen oder kreisen die Fäuste. Oder es ist das genaue Gegenteil der Fall: Der sonst so engagierte Mitarbeiter legt plötzlich eine „Ist mir egal“-Haltung an den Tag und macht Dienst nach Vorschrift.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick