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Boris Grundl

"Auf die Schnauze zu fallen hilft, Arroganz abzulegen"

Dorothee Fricke
Mit 25 brach sich Boris Grundl die Wirbelsäule. Trotz der Behinderung hat er es zum gefragten Coach gebracht. Im Interview erklärt er, wie man sich Ziele setzt, warum Studenten Weicheier sind und wozu sein inneres Schwimmbecken dient.
Boris GrundlFoto: © Andreas Reeg
Junge Karriere: Ihr Buch "Steh auf" trägt den Untertitel "Bekenntnisse eines Optimisten". Kann man Optimismus lernen oder ist das angeboren? Boris Gundl: Beim Optimisten sind von drei Gedanken zwei positiv, beim Pessimisten sind von drei zwei negativ. Es geht also darum, den einen Gedanken, der normalerweise negativ ist, ins Positive zu drehen. Damit meine ich aber nicht, dass man gut drauf sein muss. Eher einen realistischen Optimismus, der auch mit einer Portion Sarkasmus einhergehen darf. 

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Sie waren mit 25 Jahren nach einem Sprung von einer Klippe von einem Tag auf den anderen gelähmt. Wie findet man in so einer Situation den Optimismus wieder?Natürlich kam ich mit meiner Situation erst mal überhaupt nicht klar, das ist logisch. Da waren zwei ganz große Ängste: Die eine betraf mein Selbstwertgefühl. Ich hatte natürlich wahnsinnig große Angst davor, dass ich jetzt nicht mehr gebraucht werde. Die zweite war der Selbstvorwurf, wie ich mir so etwas antun konnte. Ich hatte ja mit dem Feuer gespielt. Doch bei meinem ganzen Leiden und Grübeln war ein Punkt entscheidend: Dass ich meine veränderte Situation irgendwann emotional angenommen habe. Eines Morgens bin ich aufgewacht und habe mich über den Rollstuhl gefreut, der neben meinem Bett stand. Ich durfte da rein, vorher musste ich. Das emotionale Annehmen ist ein ganz wichtiges Thema - auch im Beruf. Das habe ich gelernt: Wenn Sie etwas trifft, dann müssen Sie es sich erst einmal in Ruhe angucken. Sie brauchen ein großes inneres Schwimmbecken, in das sie erst einmal ganz viel hineinlaufen lassen können.Wie funktioniert so ein inneres Schwimmbecken?Für mich waren nach dem Unfall so einfache Dinge wie aufstehen, waschen und anziehen enorm anstrengend. Ich habe 20 Minuten gebraucht, nur um eine Socke anzuziehen. Aber ich habe nicht aufgegeben. Viele Menschen reagieren zu schnell, anstatt zu überlegen. Wenn man etwas im inneren Raum dreht, zeigt sich irgendwann eine neue Perspektive.Bleiben deshalb viele Menschen hinter ihren Möglichkeiten zurück?Ja, weil sie in ihren kurzfristigen Interpretationen verhangen sind. Sie bewegen sich nicht. Sie drehen ein Problem nur in Richtungen, die ihnen bekannt sind.Wie kann man mehr aus sich herauskitzeln?Mit gesundem Menschenverstand. Ich bin überzeugt, dass es bei den meisten Dingen darum geht, wenige Prinzipien zu verinnerlichen, anstatt sich immer mit neuem Wissen vollzustopfen. Das ganze intellektuelle Gequatsche wird überinterpretiert. Gerade junge, karriereorientierte Leute, die hauen sich Wissen rein und machen einen Haken dran, wenn sie etwas intellektuell verstanden haben. Doch dann setzen sie sich nicht hin und überlegen, was es in der Tiefe bedeutet. "Kenn ich" heißt nicht "kann ich". Dabei geht es eigentlich nur darum, vieles wegzulassen, sich auf wirklich ganz einfache Kernthemen zu konzentrieren.War diese Erkenntnis Ihre Chance?Ja, ich hatte einen Vorteil und einen Nachteil. Der Vorteil ist: Meine Uhr wurde auf null gestellt. Dabei hatte ich ganz wenige Ressourcen. Zum Beispiel in meinen ersten Berufsjahren im Vertrieb für einen Medizintechnikhersteller. Meine nicht behinderten Kollegen waren mir ja auf den ersten Blick haushoch überlegen. Ich konnte einen Kundenbesuch machen, die machten in der gleichen Zeit drei. Ich musste also in dem einen Besuch wirkungsvoller sein als die in ihren drei.

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