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Neue Ideen

Arbeitgeber setzen auf kreative Köpfe

N. Rüdel, S. Scheffler, M. Winkelmann
Kreativität wird für Firmen immer wichtiger. Während sie nur allmählich beginnen, eine Innovationskultur aufzubauen, ist jeder Mitarbeiter gefragt. Vor allem die Jungen.
Kreative Köpfe sind gefragtFoto: © ktsdesign - Fotolia.com
Nehmen wir mal an, Sie wollten ein neuartiges Bügelbrett erfinden. Eines, auf dem sich besser bügeln lässt als auf allen anderen Bügelbrettern. Jetzt müssen Sie kreativ sein. Und zum Aufwärmen machen Sie folgende Übung: Bilden Sie mit allen Buchstaben des Alphabets der Reihe nach einen Satz, etwa so: "Alle Bochumer Chirurgen, die ein Fahrrad geklaut haben, ...".
Und, wirkt es schon? Dann überlegen Sie als Nächstes: Wie würde denn ein Bügelbrett aussehen, das ganz und gar unpraktisch ist und den bügelnden Kunden regelmäßig in den Wahnsinn treibt?
Nach dieser Übung sollten Sie nun locker genug sein für eine kreative Brainstorming-Runde mit Ihren Kollegen. Und in einem halben Jahr freut sich die Nation über ein ganz neues Bügelgefühl, Ihre Firma wird Weltmarktführer und Sie bekommen einen dicken Bonus. So glatt läuft es in der Wirklichkeit freilich selten. Dennoch: Kreativität ist für Unternehmen wichtiger denn je. Während einfache Arbeit und Material viel billiger im Ausland zu haben sind, liegt der Schlüssel zu Erfolg und wirtschaftlichem Überleben in den Köpfen der Kreativen zu Hause. Man muss sie nur dazu bringen, ihn herauszugeben.

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Kreativ sind aber nicht nur die schrägen Klischeetypen aus der Designabteilung mit den dicken Hornbrillen oder die schnittigen Marketingleute, die sich ständig neue Kampagnen ausdenken. Auch die Sachbearbeiterin am Schreibtisch mit dem Stempel in der Hand oder der Monteur am Fließband können wertvolle Ideen haben. "Jeder einzelne Mensch ist kreativ", sagt der US-Ökonom und Kreativitäts-Vordenker Richard Florida im Interview mit Junge Karriere. Man müsse aber ein günstiges Umfeld schaffen, damit sich diese Kreativität frei entfalten kann.Doch daran hapert es in Deutschland noch häufig. "Die Unternehmen haben zwar erkannt, wie wichtig Kreativität ist", sagt Sibylle Hermann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. "Wenn man die Firmen aber fragt, was sie konkret tun, dann wird es schon dünner." Oft gibt es einen Zettelkasten oder Verantwortliche, die Ideen entgegennehmen. Das war's dann aber auch. Psychologin Hermann weiß, wovon sie spricht: Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums hat sie eine umfassende Studie zum Thema Wettbewerbsfaktor Kreativität vorgelegt.Dabei traf sie auf ein weit verbreitetes Vorurteil, das mit der Kreativität einhergeht: "Vor den Augen vieler tauchen Bilder von einsamen Tüftlern, realitätsfremden Genies und chaotischen Freaks auf, die den Unternehmensablauf mehr stören, als dass sie zur Wertschöpfung beitragen." Dies führe dazu, dass die strategische Bedeutung des Themas unterschätzt werde und dass man sich mit halbherzigen Lösungen, etwa sporadischen Brainstormings, zufrieden gebe. "Die Ressource Kreativität ist zu wichtig, als dass man ihre Förderung und Nutzung dem Zufall überlassen könnte."Unternehmen müssten den Angestellten die Chance geben, sich mit eigenen Ideen einzubringen. "Viele Mitarbeiter sind gehemmt, weil sie glauben, mit ihren Ideen nicht durchzukommen", sagt Hermann. Sie haben Angst zu scheitern oder solche Sätze von ihren Vorgesetzten hören zu müssen: Zu teuer, das geht nicht, das machen wir schon seit 20 Jahren so - typische Verhinderer-Phrasen, die jede Motivation für neue Ideen abwürgen. Es fehle deshalb laut Hermann an wirksamen Mechanismen und einem Betriebsklima, das die Mitarbeiter spüren lässt: Traut euch, jede Idee ist willkommen! Außerdem sollten Unternehmen nicht nur den einzelnen Kreativen fördern, sondern das große Ganze im Auge haben: "Wir schlagen vor, die gesamte Wertschöpfungskette dahingehend zu untersuchen, welche kreativen Leistungen dort möglich und erforderlich sind.""Nicht abschrecken lassen"Was aber können Berufsanfänger tun, wenn ihr Arbeitgeber das noch nicht erkannt hat? "Treten Sie immer selbstbewusst auf", rät Christiane Kerting vom Deutschen Institut für Betriebswirtschaft (DIB), das Firmen und Mitarbeiter in Innovationsfragen berät. "Bringen Sie Ihre Ideen immer wieder auf den Tisch und lassen Sie sich nicht abschrecken." Gibt es kein Ideenmanagement und stößt man beim Abteilungsleiter immer wieder auf taube Ohren, hilft vielleicht der Gang zum Chef - wenn der nicht gerade im Stress ist. Dieser Weg geht freilich nur bei kleinen und mittelständischen Firmen. Generell sollte man immer mit offenen Augen durchs Unternehmen laufen und sich Dinge, die man für verbesserungswürdig hält, aufschreiben. "Hilfreich ist ein kleines Ideenbüchlein, das haben auch große Denker schon so gehandhabt", sagt die Expertin. Auch helfe es, sich mit seinen Kollegen zu besprechen. Das Allerwichtigste: "Erhalten Sie sich Ihren frischen Blick, werden Sie nicht betriebsblind."Wie man Innovationsprozesse gestaltet, zeigt ein Blick nach Baden-Württemberg. Nirgendwo ist die Innovationsdichte so groß wie hier. Auf der Landkarte der Weltmarktführer versammelt sich im Ländle die Ideenelite der deutschen Wirtschaft. Ein solcher Ort ist zum Beispiel das beschauliche Tumlingen, ein Dorf im tiefen Nordschwarzwald. Die nächste große Stadt ist weit entfernt, mehr als ein paar Vereine und eine Hand voll Kneipen bietet Tumlingen nicht. Und dennoch hat hier in der schwäbischen Idylle der Weltmeister im Erfinden seine Heimat: die Fischer-Werke (Dübel, Spielzeuge, Autozubehör). "Wer Innovationen sucht, wird Fischer finden", lautet der Slogan der Unternehmensgruppe.Mehr als 2000 Patente und jährlich rund 40 neue Erfindungen stehen dafür. Knut Maier ist sozusagen der Kreativdirektor des Unternehmens. Der 31-jährige Ingenieur leitet seit gut zwei Jahren den Bereich Vorentwicklung. Zusammen mit seinen fünf Mitstreitern sitzt er abseits des Tagesgeschäfts. "Wir sind die Scouts für neue Technologien", sagt Maier. Dafür hat er ein interdisziplinäres Team um sich versammelt: junge Ingenieure mit Zusatzstudium entweder in Design oder Architektur."Mit der Vorentwicklung haben wir die Struktur geschaffen, um neue Produkte für unsere Kunden zu erfinden", sagt Thomas Schweikart. Seit August ist der 38-Jährige Leiter der Entwicklungsabteilung und damit Herr der Ideen bei den Fischerwerken. "Kreativität kann man nicht verorten", sagt Schweickart. "Damit wir weiter Spitze bleiben, brauchen wir den Input des gesamten Unternehmens."Das ist auch ganz im Sinne von Firmenchef Klaus Fischer. "Innovativ müssen wir in der ganzen Prozesskette des Unternehmens sein", sagt Fischer, "von der Entwicklung über die Produktion bis zum Vertrieb". Dazu treibt er seine mehr als 3400 Mitarbeiter ständig an. Im Fischer Ideen Prozess, kurz FIP, entstehen jährlich rund 6000 Ideen für neue Arbeitsprozesse und Produkte. Die besten Ideen werden durch Incentives und Geld belohnt. Gemessen wird dies durch ein ausgetüfteltes Entlohnungssystem.Das ist die verbreitetste Form von Ideenförderung: Wer innovativ ist, bekommt mehr Gehalt oder einen Bonus. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Betriebswirtschaft (DIB) haben sich die befragten Unternehmen die Ideen ihrer Mitarbeiter im vergangenen Jahr rund 163 Millionen Euro kosten lassen. Ein lohnendes Geschäft, denn der Ertrag ist fast zehn Mal höher: Die Einsparungen und der geschätzte Nutzen für die Firmen belaufen sich auf knapp 1,5 Milliarden Euro. Allein die Deutsche Post freut sich über einen Nutzen von 271 Millionen Euro, Volkswagen über 168 und Siemens über 158 Millionen. Dagegen kommt die durchschnittliche Prämienhöhe von 183 Euro recht mager daher. Immerhin: Der höchste gezahlte Einzelbonus betrug 440000 Euro.Geldprämien bergen jedoch auch eine Gefahr: "Ein Bonussystem neigt mit der Zeit dazu, zu korrumpieren", sagt Fraunhofer-Arbeitsforscherin Hermann. Da werde dann schon mal eine Idee in zwei aufgeteilt, um doppelt zu kassieren. Oder ein Vorschlag würde zurückgehalten, damit ihn niemand klaut. Ähnlich sieht es Teresa Amabile, Kreativitätsforscherin an der Harvad Business School. Geldprämien seien dann problematisch, wenn sich die Mitarbeiter nur noch nach Geld richteten und anfingen zu glauben, dass jeder Handstreich, den sie tun, Auswirkungen auf ihr Gehalt haben könnte."Was es viel mehr braucht, ist gelebtes Ideenmanagement", sagt Christiane Kersting vom DIB. Menschen brächten sich vor allem deshalb ein, weil sie mitgestalten wollten und Anerkennung wünschten. "Jeder ist kreativ", sagt Kersting, "aber nicht jeder bringt seine Ideen zu Papier." Ein ideales Ideenmanagement sieht deshalb im Groben so aus: Jeder kann einen Vorschlag machen, egal, ob er Manager ist, in der Kreativabteilung arbeitet oder am Fließband steht. Der Vorstand muss dahinterstehen, alle Mitarbeiter ständig ermutigen und loben.Japaner bei Innovationskraft vorneAndere Länder sind mit der systematischen Ideenförderung schon weiter. Beim japanischen Autohersteller Toyota etwa macht jeder Mitarbeiter im Schnitt 63 Verbesserungsvorschläge pro Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland bringen 100 Mitarbeiter etwa 60 Ideen vor. Toyota macht jeden Mitarbeiter zum hochqualifizierten Experten für seinen eigenen, kleinen Bereich. So soll der Mitarbeiter, der etwa das Radio ins Armaturenbrett einbaut, nach Verbesserungsmöglichkeiten suchen, wie man das Radio schneller und besser montieren kann. Und nicht nur der vorgesetzte Ingenieur, der den Arbeitsplatz einmal geplant hat.Unter anderem dieses System, Kaizen genannt, bringt Toyota eine geringe Rücklaufquote und eine hohe Innovationsfähigkeit.
In Sachen Innovationskultur sind auch die USA den Deutschen voraus. Plakate mit dem "Mitarbeiter des Monats" oder Belohnungen für innovative Mitarbeiter, indem sie etwa für eine Woche den Parkplatz des Chefs nutzen dürfen, mögen zwar noch eher skurrile Anreize sein. Doch Unternehmen wie der Technologiekonzern 3M oder der Internet-Gigant Google sind durch und durch auf Kreativität getrimmt und sind bekannt für ihre Bereitschaft zum ständigen Wandel.
Bei 3M können Mitarbeiter rund sechs Stunden ihrer Arbeitszeit pro Woche dazu verwenden, sich eigenen Projekten zuzuwenden - bei voller Bezahlung. Das gilt auch für die deutschen Angestellten. So erfand der 3M-Ingenieur Arno Eberwein ein selbst leuchtendes Nummernschild, das sich nun auf dem Markt durchsetzen soll. Ein Kollege aus den USA machte es 1968 vor: Er entwickelte in seiner Forscherfreizeit einen kleinen, gelben, selbstklebenden Zettel. Der Post-it wurde das bekannteste Produkt von 3M und wird weltweit benutzt.Ähnlich ist es bei Google. Auch hier hat jeder Mitarbeiter 20 Prozent seiner Arbeitszeit zur freien Forschung zur Verfügung. An bis zu 300 Projekten sollen die Mitarbeiter im kalifornischen Mountain View gerade arbeiten. "Spaghetti Approach" nennen die IT-Freaks die Methode: Sie werfen ihre Ideen wie gekochte Nudeln an die Wand. Die Spaghetti, die herunterfallen, wandern in den Müll; aus den kleben gebliebenen lässt sich dann etwas machen. Der Satellitenfoto-Dienst Google Earth oder das Mail-Programm Google-Mail sind so entstanden."In angelsächsischen Ländern haben es Mitarbeiter mit ihren Ideen leichter", sagt Pascal Soboll von der internationalen Innovations-Beratungsfirma Ideo mit Sitz in den USA. "Deutsche Unternehmen sind scheuer, und das Risiko zu scheitern wird oft als höher angesehen als die Chancen, die in einer Idee stecken." Soboll rät deshalb den Managern, eine Kultur zu etablieren, die Fehler toleriert und auch das Risiko als rentabel darstellt. "Die Leute sind gerne kreativ, wenn sie die Erlaubnis dazu haben und keine Angst vor negativen Konsequenzen haben müssen", sagt Soboll.Kreativitäts-Guru Richard Florida, der mit seinem Standardwerk "Der Aufstieg der Kreativen Klasse" Aufsehen erregte, nennt drei wichtige Kriterien für organisierte Kreativität in Unternehmen: "Erstens muss ein Arbeitgeber seinen kreativen Mitarbeitern den Rücken freihalten. Zweitens: Manager müssen Kreativität entfachen. Und drittens: Arbeitgeber müssen kreative Mitarbeiter als eine Investition in die Zukunft begreifen." Grundlegend dafür sei eine langfristige Zusammenarbeit. "Kreativität blüht in Beziehungen auf, bei Personen, die schon lange zusammen gearbeitet haben", sagt Florida. Grundsätzlich aber gelte: "Kreativität ist nicht planbar. Sie müssen ihr Raum geben und ihr erlauben zu wachsen." Um kreativ sein zu können, brauche es Intelligenz, Neugier, Vorstellungsvermögen, Flexibilität und Mut. Es sei Sache des Unternehmens, das zuzulassen und zu fördern.So sollten Firmen die Kreativität ihrer Mitarbeiter gezielt schulen, fordert Fraunhofer-Expertin Hermann. Etwa durch regelmäßige Übung von Kreativitätstechniken. Eine ihrer Lieblingsmethoden: Um ein bestehendes Produkt, etwa eine Bierflasche, weiterzuentwickeln, pickt sich der Mitarbeiter mit dem Finger ein zufälliges Wort aus dem Lexikon heraus. Obst, zum Beispiel. Jetzt gilt es, dazu Assoziationen zu finden: Gesund, Apfel, Orange, frisch, und so weiter. Dann müssen die Assoziationen wieder mit dem Produkt, der Bierflasche zusammengebracht werden. So könnte dann etwa ein gesundes Getränk oder einfach ein neues, frisches Etikett dabei herauskommen."Es geht immer darum, zunächst vom eigentlichen Problem wegzulenken und so einen neuen Blick zu bekommen", sagt Hermann. Eine weitere, einfache Methode, die Kreativität der Mitarbeiter zu fördern, seien Workshops. "Dort können Teams, am besten angeleitet von einem externen Moderator, neue Ideen entwickeln." Wie man durch die Förderung des kreativen Prozesses zu Innovationen kommt, zeigt zum Beispiel Tchibo. Der Kaffeeröster und Einzelhändler muss schließlich "jede Woche eine neue Welt" in die Regale stellen, wie es der Werbeslogan verspricht. Tchibo-Konto, Tchibo-Handy, Tchibo-Haus, Tchibo-Versicherung - das Unternehmen, so erfolgreich es mit dieser Strategie auch ist, muss sich ständig neu erfinden. Ideen für neue Produkte sind überlebenswichtig.Deshalb lädt Tchibo auch regelmäßig junge, kreative Studenten zum Tchibo Think Tank ein. Ein Workshop, bei dem neue Ideen entstehen sollen. Die Architekturstudenten Sabine Heinrichs, 25, und Stephan Weber, 26, haben mit dem Design, ähnlich einer Zapfsäule, und dem Konzept eines neuartigen Vertriebsmodells für Kaffee gepunktet. Mehr will Tchibo nicht verraten. Schließlich will der Kaffeeröster den Plan möglichst bald in die Tat umsetzen.

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