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Ortswechsel

Arbeiten in Tunis

Sebastian Winter
Der blinde Sebastian Veit arbeitet in Tunis an erneuerbaren Energien für Europa. Dabei ist für ihn der Verkehr in der Tunesischen Hauptstadt nicht gefährlicher als er es für jeden Sehenden ohnehin schon ist. Dazu sind die Tunesier wenig verschlossen.
Sebastian Veit kämpft mit dem tunesischen VerkehrFoto: © PR
Nach Tunis kam Sebastian Veit im September 2007 eher unfreiwillig: Sein Arbeitgeber, die Afrikanische Entwicklungsbank, musste umziehen, als die Sicherheit am Hauptsitz in der Elfenbeinküste nicht mehr gewährleistet war. Der Klimaökonom aus Schwäbisch Gmünd arbeitet nun in Tunesiens Hauptstadt an Strategiepapieren für erneuerbare Energien und treibt das Projekt Desertec voran, das Europa mit Solarenergie aus Nordafrika versorgen soll.In der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt haben viele Häuser Solar-Wasserheizungen. Veits solarbeheiztes Drei-Zimmer-Appartement im 26 Kilometer entfernten Badeort La Marsa kostet 640 Euro Miete im Monat - eine Summe, für die ein einheimischer Durchschnittsverdiener vier Monate lang arbeitet.

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1990 verlor Veit bei einem Feuerwerkunfall sein Augenlicht. Mit der Behinderung gehen die Tunesier sehr offen um. "Sie sind hilfsbereit, nicht so verklemmt und vorurteilsbehaftet wie manche Deutsche", erzählt der 34-Jährige. An tunesischen Ampeln gibt es keine elektronischen Hilfen, da verlässt sich Veit auf seinen Blindenhund Dustin und auf seinen Fahrer. "Auf den Straßen ist man hochgradig gefährdet, ob blind oder nicht.""Es ist kein Problem, sich auf den Straßen von Tunis verliebt zu zeigen"In der Mittagspause fährt Veit oft in die grüne Lunge von Tunis, den Belevedere-Park. Dort isst er Sandwichs mit scharfer Harissa-Paste oder Briks, mit Lammfleisch und Ei gefüllte Teigtaschen - wenn nicht gerade Ramadan ist, den Veit halbwegs einhält: "Ich brauche morgens meinen Kaffee. Bis 16 Uhr esse ich aber nichts." Auch mit Küssen in der Öffentlichkeit halten sich der Deutsche und seine marokkanische Freundin dann zurück. "Ansonsten ist es kein Problem, sich in der Stadt verliebt zu zeigen."Veit mag die kleinen verschlungenen Altstadtgässchen, die zur Ölbaummoschee führen. Die vielen Bars, in denen Männer Shisha rauchen, würde er allerdings gerne gegen Straßencafés eintauschen. Auch fehlen ihm politische Debatten. "Dennoch halte ich einige afrikanische Demokratien für schwächer." Ende Oktober wurde Präsident Ben Ali mit 90 Prozent wiedergewählt - zum fünften Mal. Freunde zu finden, ist Veit nicht leicht gefallen. "Viele Tunesier sind sehr fixiert auf ihre Familie. Freundschaften zu pflegen, ist einigen oft zu anstrengend." Anschluss hat Veit bei einer 18-köpfigen Hikinggruppe gefunden, die sonntags in den wilden Ausläufern des Atlas-Gebirges wandert.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.01.2010

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