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Fast die Hälfte aller Jobs seien potenziell automatisierbar
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Start ins Zeitalter der Automatisierung

Arbeit ganz neu gedacht

Simon Book, wiwo.de
Die Industriejobs verschwinden, sagt Oxford-Ökonom Carl Frey. Im Interview erklärt er, wie deutsche Politiker den technologischen Wandel ignorieren und beleuchtet die falschen Versprechen von US-Präsident Trump.
Frühling in Oxford, die Touristen bewundern die historischen Gebäudeensemble, deren erste Exemplare aus dem 13. Jahrhundert stammen, sie trinken ihr Ale in der Sonne und strömen durch die hohen Hallen, die direkt aus den Harry-Potter-Filmen zu stammen scheinen. In einer davon, der Oxford Martin School, empfängt Carl Frey, ein hochaufgeschossener Schlacks, mit lichtem, krausen Haar. Er ist einer der profiliertesten Forscher zur Arbeit der Zukunft.

Als er vor eineinhalb Jahren seine Studien zur Robotik in der Industrie veröffentlichte, sorgten sie weltweit für Aufsehen: Fast die Hälfte aller Jobs seien potenziell automatisierbar, postulierte Frey. Gerade schreibt er an einem Buch, in dem er die letzten industriellen Revolutionen mit dem aktuellen Umbruch vergleicht.

Seine These: Diesmal ist es keine industrielle Revolution, weil es bald keine Industrie mehr gibt – es ist der Eintritt ins automatische Zeitalter.

Herr Frey, hat sich Donald Trump schon bei Ihnen gemeldet?

Carl Frey: Wieso?

Sie arbeiten gerade an einem Projekt, das die Menschen im amerikanischen Rust Belt untersucht – Trumps Wähler. Schon lange prophezeien Sie der Industrie keine große Zukunft. Die Populisten können sich die Zukunft ohne Industrie nicht vorstellen.

Nein, mit Trump hatte ich noch nicht das Vergnügen. Aber wir reden viel mit Mitarbeitern der Regierung – hier in Großbritannien und anderswo. Es geht ja um ein weltweites Phänomen: die Industriearbeit hat ihren Höhepunkt längst überschritten. Nicht nur in den ehemaligen Industriestaaten, sondern auch in Schwellenländern wie Indien, China oder Brasilien. Industrielle Fertigung kann nirgendwo auf der Welt mehr in großer Zahl Arbeitsplätze schaffen.

Trump, Theresa May oder Marine Le Pen erzählen den Menschen gerne, die Industrie sei in Niedriglohnländer abgewandert und lasse sich durch Handelsbeschränkungen und Zölle wieder zurückbringen.

In den Entwicklungs- und Schwellenländern sehen wir das Gegenteil. Dort ist die Industrialisierung, wie wir sie im Westen kennen, vielleicht nie richtig angekommen. Jedenfalls hat sich in diesen Staaten nie eine stabile Mittelschicht gebildet. Die Regierungen dort müssen sich etwas anderes überlegen. Ein Geschäftsmodell auf Industriejobs aufzubauen jedenfalls wird nicht gehen. Diese Arbeit wird heute hochgradig automatisiert, durch 3-D-Druck und Roboter wandert die Produktion gar zurück in die Industrienationen.

Dann hat Trump doch recht: die Unternehmen kommen zurück.

Na ja, zumindest ist es heute wieder genauso günstig oder teuer, ein Produkt in den USA oder Thailand herzustellen. Obwohl die USA einen Mindestlohn haben. Die Produktion kommt also tatsächlich zurück. Die Jobs aber nicht. Es sei denn, die Löhne in den USA sinken so weit, dass es sich nicht mehr lohnt Roboter einzusetzen. Trump müsste die die US-Wirtschaft schon nach sowjetischem Vorbild umbauen, teilweise-verstaatlichen und subventionieren für mehr Industriearbeitsplätze. Das wird nicht passieren. Nein: es ist unmöglich, diese Jobs auf irgendeinem ökonomisch-sinnvollen Weg zurückzubringen.

Keine guten Neuigkeiten für die Arbeiter im Blaumann.


Ganz klar, überall auf der Welt schwinden diese Arbeitsplätze. Wir alle müssen uns also nach neuen Geschäftsmodellen umsehen. Meine Sorge dabei ist, dass die Länder, denen es heute schon gut geht, durch Automatisierung noch gewinnen, weil ihre Unternehmen höhere Gewinne machen. Die armen Länder können eigentlich nur an Wohlstand verlieren. Dabei waren wir doch bislang immer davon ausgegangen, dass Industrie 4.0 dazu führen würde, dass die ganze Welt sich digitalisiert. Ich glaube, das Gegenteil tritt ein: Der Fortschritt findet da statt, wo es gut ausgebildetes Personal gibt – also in den westlichen Ökonomien. Die Entwicklungsländer werden der große Verlierer werden.

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