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Bescheidenheitsprahler
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Bescheidenheitsprahlerei

Angeben ist wenigstens ehrlich

Lin Freitag, wiwo.de
Angestellte kaschieren Angebereien gerne mit falscher Bescheidenheit. Daher: wenn schon protzen, dann wenigstens offensiv.
Was will uns "Huffington Post"-Gründerin Arianna Huffington mit folgender Nachricht bei Twitter sagen? "Gerade auf dem Weg von Mailand nach Istanbul, und keines meiner drei Blackberrys funktioniert!" Möglichkeit Nummer eins: Die Unternehmerin ist tatsächlich genervt, dass ihre Handys nicht funktionieren. Oder, Möglichkeit Nummer zwei: Huffington jettet nicht nur durch die Welt – sie ist offensichtlich auch noch so wichtig, dass sie gleich drei Blackberrys besitzt.

Oder der Schriftsteller Salman Rushdie: "Der Schreibtisch ist so gut wie leer. Arbeite noch an den Memoiren, Film ist fast fertig. Vielleicht nehme ich mir ein Wochenende frei, bevor ich mit der Arbeit für meine neue TV-Serie beginne?"

Mit Leidprahlerei zu mehr Sympathie
 
Ist das eine ernst gemeinte Frage? Oder der Versuch, ganz nebenbei einfließen zu lassen, dass er nicht nur an seiner Biografie arbeitet, einen Film fertiggestellt hat und bald eine eigene Serie bekommt – sondern gleichzeitig auch noch ordentlich ist und sich nun ernsthaft darüber den Kopf zermartert, ob er sich eine kleine Auszeit gönnen darf?

Rushdie und Huffington haben sich in ihren Tweets des "humblebragging" schuldig gemacht. Das Wort ist eine Kombination aus dem englischen Adjektiv "humble" (bescheiden) und dem Verb "to brag" (angeben). Als deutsches Äquivalent zu dieser Neuschöpfung käme etwa leidprahlen oder bescheidenheitsprotzen infrage. Das Ziel der durch eine Beschwerde kaschierten Angeberei ist klar: Man will Sympathiepunkte erlangen – denn echte Prahler mag niemand. Bescheidenheit hingegen ist gesellschaftlich überaus akzeptiert.

"Humblebragging" wird zum Forschungsgegenstand

In den USA hat sich humblebragging schon im alltäglichen Wortschatz etabliert. Bereits 2011 eröffnete der vor einigen Monaten verstorbene Komiker Harris Wittels einen eigenen Twitter-Account unter dem Namen @humblebrag, der meistens Prominente und manchmal auch Unbekannte beim Leidprahlen zitiert. 2012 veröffentlichte er seine Beobachtungen in einem Buch mit dem Titel: "Humblebrag: Die Kunst der falschen Bescheidenheit".

Jetzt hat es das Phänomen gar bis an die Harvard Business School geschafft, dort wurde es zum Forschungsgegenstand einer Studie. Die drei Wissenschaftler Ovul Sezer, Francesca Gino und Michael Norton interessierten sich vor allem für eine Frage: Kommen Leidprahler sympathischer rüber als konventionelle Angeber?

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