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Montags keine Lust auf Arbeit.
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Arbeitseinstellung

Ackern bis zum Erbrechen

Interview: Wenke Wensing, wiwo.de
Freuen Sie sich montags schon auf Freitag? Anja Niekerken erklärt im Interview, was gegen die sogenannte "Arbeitsübelkeit" hilft. Sie ist Autorin des Buches "Montags muss ich immer kotzen".
Frau Niekerken, in Ihrem Buch finden Sie deutliche Worte: Viele Berufstätige "kotzen jeden Montag im ganz großen Strahl". Was meinen Sie damit?

Grundsätzlich handelt es sich um ein Gefühl, das oft daher rührt, keinen Sinn mehr in seinem täglichen Tun zu sehen. Dass wir dafür ein Gehalt bekommen, ist als Motivator nicht ausreichend. Wenn wir hier nicht selbst gegensteuern, kann das durchaus psychosomatische Folgen haben und sich auf Dauer auch körperlich ausdrücken. Das muss nicht heißen, dass einem tatsächlich übel ist oder man sich gar übergeben muss. Häufig äußert sich das Unwohlsein in Rückenschmerzen, vermehrten Erkältungen und, wenn es ganz dick kommt, kann es zum Burnout führen.

Was kann man tun, um zufriedener zu sein?

Wenn ich montags immer "kotzen" muss, gucke ich wahrscheinlich nur auf die schlechten Dinge. Wir sind so darauf fokussiert, das zu bestätigen, was wir eh schon denken – nämlich, dass alles schlecht ist –, dass wir das Gute nicht mehr sehen. Mein Tipp: Schreiben Sie drei Wochen lang jeden Tag auf, was an diesem Tag schön war. Das können auch Kleinigkeiten wie das freundliche Hallo von der Kollegin oder ein staufreier Weg zur Arbeit sein. Sie werden sehen: Ihre Einstellung wird sich ändern.

Der Satz "Ändere deine Einstellung" ist leichter gesagt als umgesetzt. Wie geht man das an?

Wenn ein Berufstätiger unzufrieden ist, muss er als Erstes herausfinden, ob er überhaupt im richtigen Job ist. Wenn die Karriereleiter an der falschen Wand steht, kann auch eine andere Einstellung nichts ändern. Wenn das Meckern aber zur Gewohnheit wird, der Job aber der richtige ist, dann ist es tatsächlich Zeit, an der Einstellung zu arbeiten.

Viele Berufstätige fallen in ein Loch aus "Kann ich nicht“ und "Würde sowieso nichts bringen". Was kann helfen?


Das Stichwort ist Selbstwirksamkeit. Wer sich selbst mehr zutraut, ist zufriedener. Das sollten Führungskräfte aktiv fördern, indem sie ihren Mitarbeitern Aufgaben geben, die sie herausfordern. Eine Führungskraft sollte für Fragen zur Verfügung stehen. Gelingt die Herausforderung, traut der Mitarbeiter sich vielleicht auch künftig wieder mehr zu.

Kann ich auch ohne Hilfe vom Chef üben, mir mehr zuzutrauen?

Menschen sind Gewohnheitstiere und haben ihr Leben lang ähnliche Freunde, das gleiche Hobby und machen immer ähnlich Urlaub. Wer etwas Neues ausprobiert, wird Selbstwirksamkeit erfahren. Dieses Neue kann beispielsweise sein, mal ein Jahr die Musikschule zu besuchen und ein Instrument zu lernen oder statt eines Pauschalurlaubs eine Rucksackreise zu machen. Da gibt es jede Menge Möglichkeiten.

Das sind aber alles Dinge, die außerhalb der Arbeit passieren. Wie hilft das gegen Arbeitsübelkeit?

Wir sind keine geteilten Wesen. Arbeit und Freizeit sind nicht getrennt. Dieselbe Person geht zur Arbeit und dieselbe Person hat Freizeit. Wenn ich in der Freizeit neue Sachen erlebe oder lerne, dann wird mein Gehirn angeregt und neue neuronale Verbindungen werden geknüpft. Wenn ein paar Lampen mehr im Oberstübchen brennen, dann profitiert die Arbeit da natürlich auch von.

Geht das denn im Job auch? Viele Stellenprofile sind ja sehr festgelegt und erlauben wenig Experimente.

Ist das so? Wir nehmen viel zu viel als gegeben hin, ohne zu fragen, ob es auch anders geht. Oft wissen wir ja gar nicht, was alles geht im Unternehmen. In meinen Seminaren wissen viele gar nicht, welche Werte für ihr Unternehmen gelten. Wir fragen uns immer, warum unser Unternehmen kein Interesse an uns hat. Haben wir denn überhaupt Interesse an unserem Unternehmen?

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Deutschen Meister im Wettsitzen sind. Wer am frühesten kommt und am längsten sitzen bleibt, schafft angeblich auch am meisten.

Um etwas zu ändern, braucht es mutige Arbeitnehmer und mutige Führungskräfte, die dieses Muster durchbrechen. Wenn ich morgens um sieben Uhr komme und meine acht Stunden durcharbeite, sollte ich mich auch trauen wirklich pünktlich zu gehen.

Und wenn dann böse Blicke kommen, weil man vor allen anderen geht?

Dann sollte man sagen, was man eigentlich geschafft hat. Wichtig ist, dass die Leute sehen, dass man früh gekommen ist und viel erledigt hat. Um das zu kommunizieren, hilft beispielsweise ein Online-Reporting-System, in das jeder reinschreiben kann, wann er gekommen ist und was er an dem Tag erledigt hat. Und der Chef sollte darauf schauen, dass die Mitarbeiter sich gegenseitig vertrauen.

Befürworten Sie ein System, in dem nach Leistung und nicht nach Zeit bezahlt wird?

In dem Moment, in dem ich Zeit bezahle, bekomme ich nur Zeit. In dem Moment, in dem ich Leistung bezahle, bekomme ich Leistung. Die Umsetzung ist von Unternehmen zu Unternehmen natürlich individuell. Das Beste, was man als Chef tun kann, ist seine Mitarbeiter zu fragen, was sie eigentlich wollen. Da kann auch ein Fünf-Stunden-Tag eine Lösung sein. Aber nur, wenn keine Arbeitszeit vergeudet wird. Das ist um Längen besser, als wenn Leute drei Stunden ihres Acht-Stunden-Tages im Internet rumsurfen, nur um die Zeit rumzukriegen.

Sie sagen, man müsse lernen, die Kunst der kleinen Schritte zu gehen. Was bedeutet das für gelangweilte Arbeitnehmer?

Wir wollen immer gleich das ganz große Rad drehen. Wenn mein Job heute doof ist, möchte ich am liebsten alles ändern oder gleich im Lotto gewinnen und eine Weltreise machen. Das ist nicht machbar und Kleinigkeiten können unser Leben wahnsinnig verändern. Wir müssen nicht gleich das Unternehmen wechseln und auswandern. Es reicht vorerst, die Kollegin im Büro zu besuchen, statt eine E-Mail zu schreiben, um die Kommunikation zu verbessern. Und dann immer weiter kleine Dinge ändern, mit denen man nicht zufrieden ist.

Und wenn die Lästereien in der Kaffeeküche die Stimmung wieder sinken lassen?


Wenn der Job mir gerade nicht so gefällt, rennen viele zuerst zu den Kollegen, denen der Job auch nicht gefällt. Ich empfehle, sich einmal am Tag mit den Kollegen zu unterhalten, die den Job gut finden. Wir sind soziale Wesen und passen uns unserem Umfeld an. Wähle ich die Miesmacher, werde ich relativ schnell schlechte Laune bekommen.

Und was empfehlen Sie Leuten, die auf die anstehenden Aufgaben einfach keine Lust haben, auch wenn der Job eigentlich super ist?


Denken Sie von der Zukunft her. Wie wird es mir gehen, wenn ich die Aufgabe erledigt habe? Besser oder schlechter? Wenn es Ihnen wahrscheinlich besser geht und Sie entspannter ins Wochenende gehen können, dann ran an den Feind und erledigen Sie die Aufgabe.

Wie wichtig ist es, dass wir im Job Erfüllung finden?

Das kommt darauf an. Wenn ich den Job nur brauche, um mein erfülltes Privatleben zu finanzieren, muss ich im Job nicht so erfüllt sein. Es muss mir aber sehr klar sein, dass mein Job mehr Zeit in Anspruch nimmt als meine Freizeit. Wenn ich das in Kauf nehmen kann, ist alles gut: Wenn ich aber eine Mission haben will, etwas verändern will, dann sollte ich auch einen Job machen, in dem ich diese Mission auch erfüllen kann.

Was ist wichtiger: Glück oder Gelassenheit?

Glück wird maßlos überschätzt, Gelassenheit ist viel wichtiger. Wir sind nicht für ewiges Glück gemacht und müssen das nicht anstreben. Hochs und Tiefs gehören zum Leben dazu, damit wir die Hochs auch zu schätzen wissen. Wer gelassen durch die Tiefs geht, kann mit mehr Energie ins Hoch starten.

Und wenn sich jemand trotz aller Gelassenheit von Idioten umzingelt fühlt?

...dann ist es höchste Zeit, zu gehen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 07.09.2018

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