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China mischt kräftig bei der Neuordnung der globalen Wirtschaft mit. Es reicht nicht, die Sprache zu sprechen, auch das kulturelle Verständnis ist wichtig.Foto: Ali Yahya / Unsplash.com
Sprachkompetenz im Job

"Englisch gilt als Erweiterung der Muttersprache"

Interview: Saskia Eversloh
Welche Sprachen sind heute im Job gefragt? Entscheidend sind nicht die absoluten Zahlen, sondern langfristige Arbeitsmarktentwicklungen, die eigene Positionierung – und nicht zuletzt der Spaß an der Sprache. Das meint jedenfalls Dr. Klaus Waschik, Leiter des Landesspracheninstituts Nordrhein-Westfalen (LSI). Dort werden Berufstätige in wenigen Wochen fit für ihre Auslandseinsätze gemacht.
Das Landesspracheninstitut startete in den 70ern mit Russisch, heute bieten Sie fast ein Dutzend Sprachen on- und offline an. Wer kommt hauptsächlich zu Ihnen?
Dr. Klaus Waschik, Geschäftsführende Direktor des LSI, lernt gerade seine sechste Sprache: Chinesisch.Foto: privat
Neben Studierenden, die ihre literatur- und sprachwissenschaftlichen Studiengänge durch aktive Sprachpraxis ergänzen wollen, kommen vor allem zwei Gruppen von Berufstätigen: Wirtschaftsvertreter und Ingenieure des gehobenen Managements, die sich bei uns insbesondere auf ihre Einsätze in China, Russland, Japan oder im arabischen Raum vorbereiten – und Personen, die im öffentlichen oder auch diplomatischen Dienst tätig sind. Außerdem sehr viele Journalisten, wir haben hier die meisten ARD- und ZDF-Auslandskorrespondenten ausgebildet.

Inwiefern ist das LSI für das gehobene Management besonders interessant?

Unsere speziellen Intensivkursformate – etwa für Japanisch oder Chinesisch – kommen dem engen Zeitfenster von Managern sehr entgegen, denn in der Regel lässt sich der kontinuierliche Besuch von wöchentlichen Kursen im beruflichen Alltag nicht durchhalten. Außerdem gehen die meisten Kurse in ihren praktischen Lehrsituationen besonders auf Geschäftsthematiken ein. Das LSI bietet zudem Blended-Learning-Formate (Präsenz und Online) an, etwa für Wirtschaftsrussisch. Weitere Möglichkeiten sind Inhouse-Veranstaltungen für Unternehmen oder auch individuelle Sprach-Coachings via Skype, die berufsintegriert und zeitlich flexibel durchgeführt werden können.

Was sind die Arbeitssprachen der Zukunft in Konzernen und KMU?

Sicher für die nähere Zukunft Englisch. Die Frage ist aber, von welchen Konzernen und KMU wir sprechen? Wenn diese einem chinesischen oder koreanischen Unternehmer gehören, vor allem im Bereich des Mittestands, können dies auch andere Sprachen sein. Außerdem können wir nur sehr unzureichend abschätzen, wie sich hier die asiatischen Wirtschaften entwickeln werden. China wird allein wegen seiner Größe und seines Potenzials und der schieren Anzahl der Sprecher den Status des Chinesischen in der Welt zukünftig verändern. Ansätze davon sind bereits in Unternehmen mit starker chinesischer Beteiligung zu spüren.

Welche Sprachen empfehlen Sie jungen Leuten denn heute zu lernen?

Entscheidend sind nicht die absoluten Zahlen, sondern Angebot und Nachfrage. Man sollte sich dafür folgende Frage beantworten: Welche Sprachen sind perspektivisch für mich karrierefördernd in meinem Berufsfeld? Wie positioniere ich mich, bin ich der Einzige oder kann jeder Dritte diese Sprache? Und: Zu welchen Ländern und Kulturen habe ich eine gewisse Affinität? Mit dem Beruf ist ja schon eine gewisse Vorentscheidung gefallen, welche Sprachen infrage kommen könnten. Dabei sollte man auf keinen Fall auf kurzfristige Trends setzen, sondern sich an mittel- und langfristigen Entwicklungen orientieren. Nicht zuletzt ist das persönliche Interesse eine gewisse Garantie, sprachlich mehr als andere erreichen zu können.

Braucht man denn überhaupt noch andere Fremdsprachen, wenn sich alle Welt auf Englisch verständigt?


Das Englische ist heute keine Fremdsprache mehr, sondern in gewisser Weise eine Erweiterung der Muttersprache. Englisch wird von allen Akademikern auf einem guten Niveau erwartet. B1/B2 ist die Minimalvoraussetzung – sonst sinkt man unter die Seriositätsschwelle, mit der man im Beruf souverän auftreten und die Interessen des Arbeitgebers vertreten kann. Besser ist natürlich C1 des europäischen Referenzrahmens, C2 entspricht dann schon der Muttersprache. Englisch ist heute jedenfalls nicht mehr distinktiv für eine Bewerbung – für einen Wettbewerbsvorteil ist mindestens eine zweite Fremdsprache unerlässlich.

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Verschiedenen Stellenanzeigen-Auswertungen zufolge liegt das Spanische für viele Berufsgruppen auf Rang Drei, gleich hinter Französisch. Wozu würden Sie raten?

In den letzten fünf bis sieben Jahren ist die Wahl des Französischen innerhalb der Romanistik an den Universitäten zurückgegangen, während die Hispanistik boomt (Anmerkung der Redaktion: ähnlich ist die Entwicklung an den Schulen) – am Arbeitsmarkt aber hat das Französische eine gewisse Renaissance erfahren. Es werden zwar nicht unbedingt mehr Stellenangebote mit Französischkenntnissen ausgeschrieben, aber es hat eine Verknappung der Bewerber stattgefunden.

Außerdem muss man die Entwicklungen der Europäischen Union im Auge behalten: Französisch wird als zentrale Sprache Europas sicher eine Aufwertung erfahren, vor allem in einer EU, die sich stärker auf ihren deutsch-französischen Kern besinnt. Außerdem ist zu erwarten, dass sich Deutschland mehr in Afrika engagieren wird, und viele dieser Länder sind nach wie vor französischsprachig. Mit der beruflichen Perspektive Lateinamerika ist Spanisch natürlich weiterhin unverzichtbar.