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Das Europäische Parlament in Brüssel.
Foto: Grecaud Paul / Fotolia.com
Arbeiten in Brüssel

Die Zukunft der EU gestalten

Teil 2: Karriere früh strategisch planen

Dr. Angelika Poth-Mögele (57) ist Leiterin der Europaabteilung des Rats der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE). Der RGRE ist eine europäische Dachorganisation von 60 kommunalen Spitzenverbänden aus 42 europäischen Ländern. Seit 15 Jahren beobachtet sie als Interessenvertreterin des RGRE das Arbeitsprogramm der Kommission sowie die Tagungen der Fachministerräte, des Europäischen Rates und des Europäischen Parlaments – und erarbeitet Positionspapiere und gegebenenfalls auch Vorschläge für Änderungsanträge, die im Sinne der europäischen Gemeinden und Regionen sind.

"Wichtig ist, dass man sich mit den Interessen der Organisation oder des Unternehmens identifizieren kann, als Nichtraucher sollte man nicht unbedingt in die Tabakindustrie gehen. Schließlich kann man andere nur überzeugen, wenn man selbst mit Herzblut dabei ist", spitzt die Politologin, Literatur- und Sprachwissenschaftlerin wohl in Hinblick auf die Lobbyfilmsatire "Thank You for Smoking" zu.

Wie bei Christina Wunder stand auch für Angelika Poth-Mögele früh das Internationale im Mittelpunkt: "Mein Mann und ich haben uns in einem EU-Seminar an der Philosophischen Fakultät an der Universität Augsburg kennengelernt, und für uns war damals schon klar, dass unser Beruf 'irgendetwas mit Europa' zu tun haben soll." Als ihr Mann dann 1989 den EU-Concours bestand, zogen sie und ihr Sohn mit nach Brüssel.

"Insgesamt bin ich sehr strategisch vorgegangen und habe meine beruflichen Etappen geplant", sagt Poth-Mögele. Ihre Promotion hat sie zur Europäischen Strukturpolitik geschrieben, und als sie Anfang der 90er Jahre fertig war, passte das sehr gut: Das war gerade die Zeit, als die deutschen Bundesländer ihre Vertretungen in Brüssel einrichteten und auch die bayerischen kommunalen Spitzenverbände sich entschieden, ein eigenes Büro zu eröffnen – und so wurde sie gleich nach der Uni im Europabüro der bayerischen Kommunen in Brüssel angestellt.

Die heutigen Arbeitsbedingungen von Interessenvertretern schätzt sie wie folgt ein: "Es gibt vernünftige Gehälter, aber reich wird in unserem Umfeld keiner, die Lebenshaltungskosten sind in Brüssel auch höher als in Deutschland. Der Deal ist die interessante Arbeit, viele Dienstreisen ins Ausland." Die jungen Kolleginnen blieben oft nur ein paar Jahre und gingen dann gut qualifiziert in ihr Heimatland zurück oder wechselten zu den europäischen Institutionen. Und in der Tat seien es mehr Frauen – Kommunikation und Sprachen lägen ihnen womöglich mehr, obwohl sich das in den letzten Jahren etwas geändert habe und mehr Männer hinzugekommen seien.

Ganz Brüssel eine Netzwerkveranstaltung

Gezieltes Networking hat ihr Weiterkommen von Anfang an befördert: "Kontakte pflegen und ausbauen, das gehört maßgeblich dazu in Brüssel. Ich wollte Karriere machen und nichts dem Zufall überlassen, sonst wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin." Als voll berufstätige Mutter sei das nicht immer einfach gewesen, und – wie andere Frauen in ähnlichen Situationen – habe sie manches Mal ein schlechtes Gewissen gehabt. Aber in dem Job müsse man eben flexibel sein, oft Abendveranstaltungen besuchen oder zu dienstlichen Abendessen gehen.

Networking-Möglichkeiten gibt es unendlich viele in der EU-Hauptstadt: Lunch Debates, Parlamentarische Frühstücke und Abende, zu denen auch Praktikanten gern geschickt werden. Hinzu kommen die Brauchtumsfeste der EU-Mitgliedstaaten und auch der anderen Länder wie den stark vertretenen USA. Vom Karneval über die Mittsommerwende bis zum Thanksgiving Day bieten landestypische Feste das ganze Jahr über Gelegenheit zur Netzwerkarbeit.

Entscheidend ist, bei der Vielzahl der Veranstaltungen nicht den Überblick zu verlieren und sich nicht zu verzetteln: Schließlich ist ganz Brüssel eine Netzwerkveranstaltung.


STELLEN UND PRAKTIKA

• Das European Personnel Selection Office (EPSO) regelt die zentrale Personalauswahl für alle EU-Institutionen.

Bezahlte Praktika (u.a. Blue Book Stagiaire) gibt es bei den EU-Institutionen.


ADRESSEN FÜR INITIATIVBEWERBUNGEN

• Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der EU in Brüssel hat 2017 eine aktuelle Liste mit allen Interessenvertretungen in Brüssel herausgegeben.

• Wer in einem internationalen, etwa amerikanischen Umfeld arbeiten möchte, für den ist ein Blick in das Transparenz-Register mit Interessenvertretern aller Organisationen aufschlussreich.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.12.2017