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Das Europäische Parlament in Brüssel.
Foto: Grecaud Paul / Fotolia.com
Arbeiten in Brüssel

Die Zukunft der EU gestalten

Saskia Eversloh
Ein Drittel der EU-Beamten geht in diesem Jahrzehnt in Pension. Das macht den Weg für Bewerber aller Fachrichtungen frei. Aber die Einstiegshürden sind hoch. Alternativen für politisch Interessierte bietet die Lobbyarbeit.
Kaum jemals dürfte die Arbeit bei der Europäischen Union spannender gewesen sein als heute: Weg von kleinteiligen EU-Verordnungen zum Krümmungswinkel von Bananen hin zu den weltpolitischen Fragen unser Zeit: Brexit, Migration, Sicherheit, Verteidigung, Trump. Und immer mehr geht es auch um das Selbstverständnis und die Zukunft der EU. Daran arbeiten in Brüssel neben 25.000 EU-Beschäftigten auch 20.000 Interessenvertreter, die Einfluss auf politische Positionen und die EU-Gesetzgebung nehmen.

Ob EU-Kommissar oder Lobbyist, eines ist beiden Berufsbildern der politischen Interessenvertretung gemein: Sie stehen grundsätzlich allen Fachrichtungen offen. Entscheidend sind eine sehr gute Allgemeinbildung, wozu bei allen Auswahlverfahren auch Mathematik und Logik zählen, fundierte Kenntnisse der EU-Politik und -Abläufe, mehrere Sprachen und – ein langer Atem.

Letzteres gilt insbesondere für das standardisierte Bewerbungsverfahren der EU-Institutionen, den "Concours", den jeder durchlaufen muss, der einen unbefristeten Vertrag ("Contract Agent") ergattern will. Mit dem Concours hat sich eine ganze Maschinerie von Vorbereitungstrainings herausgebildet, die die Bewerber in ein bis zwei Jahren durch diese sogenannte Bestenauslese schleust (siehe Interview).

Brüssel auf Zeit

Dass es erst einmal auch anders geht, zeigt Politikwissenschaftlerin Christina Wunder (28), heute Pressereferentin bei der EU-Kommission und zuständig für internationale Kooperationen und Entwicklungszusammenarbeit. Sie ist ein "Temporary Agent": Sie hat einen Zeitvertrag bei der EU-Kommission – und musste deswegen nicht den aufwendigen Beamten-Concours durchlaufen.

Einen langen Atem brauchte sie allerdings auch: "Ich habe mich schon immer für Internationales interessiert. Ich bin zweisprachig aufgewachsen und bei meiner ersten Ausbildung als Dolmetscherin kam die Hälfte der Studierenden nicht aus Deutschland. Heute bin ich bei der EU-Kommission und spreche jeden Tag alle meine Sprachen: Deutsch, Russisch, Englisch und Französisch", schwärmt Christina Wunder, die 1989 als Russlanddeutsche im heutigen Kasachstan geboren und mit ihren Eltern nach Andernach in Rheinland-Pfalz ausgewandert ist.

Den Einstieg hat Christina Wunder mit einem "Blue Book-Stagiaire" geschafft, einem fünfmonatigen, bezahlten Praktikum bei der EU-Kommission: "Ein Praktikum ist immer ein guter Einstieg, man lernt Leute kennen, die Arbeitsweise und auch die Arbeitskultur. Außerdem ist das EU-Praktikum fair bezahlt, ich habe über 1.100 Euro bekommen und konnte meinen Aufenthalt in Brüssel damit finanzieren."

Aber selbst für das Praktikum musste sie an einem zentralen Auswahlverfahren des Europäischen Amts für Personalauswahl (European Personnel Selection Office/EPSO) teilnehmen – genauso wie erneut für ihren späteren Zeitvertrag: "Neben dem Job-Interview hatte ich dann noch die Aufgabe, in kurzer Zeit aus einer Pressemeldung politisch relevante Punkte für ein Positionspapier zu extrahieren." Aber das sei kein Vergleich zu den Ansprüchen des Concours gewesen …

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Interview: Nur ein Prozent schafft den "Concours"

Wer EU-Beamter werden möchte, muss durch den sogenannten Concours – ein aufwendiges Auswahlverfahren, das nur die Besten der Besten bestehen. Jan Hendrik Dopheide, Referatsleiter beim Auswärtigen Amt, erklärt, welche Möglichkeiten es gibt.

 

Über eine Million Menschen leben in Europas Hauptstadt und es gibt so viele Nationalitäten und diplomatische Vertretungen, wie es Länder gibt. Hinzu kommt eine unvergleichlich hohe Fluktuation durch Semesterscharen von Praktikanten und Tausende von Temporary Agents. Das erfordert nicht nur Fachwissen, sondern auch soziale Kompetenz: Immer wieder neue Kontakte aufbauen, mit neuen Menschen zusammenarbeiten und sich auch alle paar Jahre einen neuen Bekanntenkreis aufbauen, wenn man zu denen gehört, die unbefristet bleiben.

EU-Generalisten brauchen Expertise der Lobbyisten

Das Verhältnis von EU-Beschäftigten und Interessenvertretern in Brüssel steht nach Schätzungen der Nichtregierungsorganisation Lobby Control fast 1:1 – 25.000 EU-Mitarbeiter zu 20.000 Lobbyisten. Etwa 70 Prozent der Lobbyisten sind für Unternehmen und Wirtschaftsverbände tätig, etwa ein Drittel davon kommt aus den USA. Immer mehr Organisationen lassen sich aber lieber von kleineren Consulting-Büros oder Anwaltskanzleien vertreten, denn diese gehen mehr auf ihre individuellen Anliegen ein und letztere unterliegen der Schweigepflicht.

Auch Nichtregierungsorganisationen, Forschungseinrichtungen, Religionsgemeinschaften und kommunale Behörden werden zu den Lobbyisten gezählt. Während Lobbying im englischsprachigen Raum als Tätigkeit mit hohem Professionalisierungsgrad gilt, steht die Ausbildung in Deutschland noch am Anfang und es wird lieber allgemeiner von Interessenvertretung, Politikberatung oder Public Affairs gesprochen.

Kritikpunkte sind Einflussnahme und Intransparenz. Dem soll das 2015 überarbeitete Transparenz-Register entgegenwirken, in das sich alle Interessenvertreter eintragen müssen, die sich schriftlich oder persönlich an Beschäftigte der Europäischen Kommission oder des Europäischen Parlaments wenden.

Umgekehrt sind die EU-Institutionen aber auch verpflichtet, vor Gesetzesänderungen oder -verabschiedungen im Rahmen offizieller Anhörungen alle relevanten Interessengruppen zu Wort kommen zu lassen und deren Anliegen abzuwägen. Schließlich müssen die EU-Generalisten sich oft in neue Sachverhalte einarbeiten und sind durchaus auch auf externe Beratung und Sichtweisen angewiesen.