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Interview mit Titus Dittmann

"95 Prozent Marktanteil hielt ich für normal"

Til Knipper
Skateboard-Pionier Titus Dittmann berichtet im Interview über sein anfängliches Monopol, seinen Beinahe-Konkurs und Kalaschnikows. Zu alt fühlt er sich noch lange nicht, um Jugendkultur zu verkaufen. Mit seinem Sohn verbindet ihn eine Leidenschaft für Autos.
Titus Dittmann, Gründer der Titus GmbHFoto: © Markus Hauschild/PR
Herr Dittmann, Sie haben sich selbst mal als Erfinder der Corporate Social Responsibility bezeichnet. Warum?
Habe ich das gesagt? Wenn, war es ironisch gemeint. Ich kann schon gar nicht der Erfinder sein, weil man zum Erfinden Vorsatz braucht. Bei mir war es aber andersrum. Ich habe 1968 Abitur gemacht und bin entsprechend sozialisiert. Ich habe Sport und Geografie auf Lehramt studiert und auch sechs Jahre als Lehrer gearbeitet. Als ich nebenher angefangen habe, Skateboards zu verkaufen, hatte ich ein so schlechtes Gewissen, Unternehmer zu sein, dass ich alles Geld in Jugend- und Skateprojekte gesteckt habe. Im Nachhinein kann man das natürlich als geniale CSR-Strategie bezeichnen.
Warum haben Sie Ende der 70er angefangen, Skateboards zu verkaufen?
Ich habe in meiner Examensarbeit untersucht, ob Skateboarden als Schulsport sinnvoll ist. Es gab damals aber kein vernünftiges Material in Deutschland zu kaufen. Da bin ich in den Schulferien in die USA geflogen und habe dort direkt ab Werk eingekauft und die Bretter in der Reisetasche durch den Zoll geschmuggelt und zum Selbstkostenpreis an meine Schüler verkauft.

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Als Unternehmer sind Sie Autodidakt?
Ja, 100-prozentig. Erst wollte ich mir gar nicht eingestehen, dass ich Unternehmer bin. Für einen 68er war das ja ein Albtraum. Ich habe dann Rat bei BWLStudenten gesucht, bin dann zu dem Schluss gekommen, dass man sowieso neue Wege gehen muss, wenn man besser sein will als die anderen.
Hatten Sie keine Angst, den sicheren Beamtenjob aufzugeben?
Nein, ich lege sehr viel Wert drauf, nicht fremdbestimmt zu sein. Außerdem habe ich ein sehr großes Ego. Dazu stehe ich auch. Ich bin eine Rampensau und wäre eigentlich am liebsten Rockstar geworden. So ein Profil hilft natürlich beim Schritt in die Selbstständigkeit, raus aus der Beamtenlaufbahn.
Ab wann konnten Sie vom neuen Job leben?
Am Anfang habe ich das Unternehmen parallel zur Schule gemacht. Daher konnte ich von meinem Lehrergehalt leben und musste kein Geld aus dem Unternehmen rausziehen. Dadurch konnte ich mit Niedrigstpreisen den Markt erobern und dann langsam aber stetig die Preise anziehen. Das kann man ähnlich wie den unbewussten CSR-Ansatz als tolle Strategie bezeichnen. Ich habe schnell einen Marktanteil von 95 Prozent erreicht. Beide Ansätze kombiniert haben geholfen, Glaubwürdigkeit in der Szene aufzubauen und die Zielgruppe gleichzeitig wachsen zu lassen.
Warum halten Sie Skaten eigentlich für pädagogisch wertvoll?
Es ist für mich die perfekte Synthese aus Leistungsbereitschaft, Kreativitätsanspruch und einem festen Willen. Ich habe eine Lieblingsszene aus einem Skatefilm, die ich auch immer bei Vorträgen zeige. Da versucht jemand mit dem Skateboard auf ein Treppengeländer zu springen und darauf runterzugleiten. Er fällt dabei voll auf die Schnauze, steht aber sofort wieder auf, streckt die Arme nach oben, macht das Victoryzeichen und probiert es wieder. Diese Einstellung braucht man auch, um im Leben erfolgreich zu sein. Wenn etwas fünfmal nicht klappt, muss man es eben noch ein sechstes Mal probieren.
Hilft es auch beim Erwachsenwerden?
Ja, Skateboarden ist unheimlich identitätsstiftend für Jugendliche, weil es relativ erwachsenenuntauglich ist. Denn die feinmotorischen Anforderungen sind sehr hoch. Anders gesagt: Erwachsene gehen die Treppe lieber zu Fuß runter. So hat es sich auch zur größten Jugendkultur entwickelt, die je aus einer Sportart hervorgegangen ist.

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