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Realitäts-Check

80 Stunden Gott in Weiß

Carola Sonnet
Medizin ist noch immer eines der begehrtesten Studienfächer. Doch der enorme Druck der Ärzte im Alltag ist vor allem in Krankenhäusern sehr hoch. Die Folge: Viele Stellen sind dort unbesetzt - und das Personal macht Überstunden ohne Ende.
Im OP-Saal ist höchste Konzentration gefragtFoto: © astoria - Fotolia.com
Der Fall schien so klar: Ein Patient kam in die Notaufnahme, weil er Brustschmerzen gehabt hatte, die mittlerweile verschwunden waren. Nikolaj Frost war als Arzt bei allen Untersuchungen dabei, der Mann zeigte keine Symptome mehr, die Werte waren normal. Sie behielten ihn zur Beobachtung da, obwohl er unbedingt nach Hause wollte. Nachts lief er plötzlich blau an und starb kurze Zeit später, an einem Lungenödem. "In der Nacht habe ich nicht gut geschlafen", erinnert sich Frost heute noch.Schwierige Situationen wie diese gehören zum Alltag von Ärzten, gerade wenn sie im Krankenhaus arbeiten. Mit dem Gefühl, dass selbst mehrere Ärzte einem Patienten nicht mehr helfen können, muss man leben können. Und sich selbst schützen: "Man muss eine Grenze ziehen zwischen Beruf und Privatleben", sagt der junge Arzt. Er ist 29 Jahre alt und will Internist werden, seit zwei Jahren arbeitet er an der Charité in Berlin.

Die besten Jobs von allen

Viele Ärzte beurteilen ihre Arbeitsbediungen als schlechtDie Distanz zu finden ist nicht leicht bei der großen Arbeitsbelastung. 5000 Arztstellen sind nach Angaben des Deutschen Krankenhausinstituts unbesetzt, in vier Jahren könnte sich diese Zahl verdoppeln, fürchtet der Chef des Marburger Bundes, Rudolf Henke. An vielen Kliniken kann der normale Betrieb kaum aufrechterhalten werden. Nach Angaben des Marburger Bundes nimmt die Arbeitsbelastung noch zu. Laut einer Studie der Gewerkschaft bezeichnete schon 2007 etwa die Hälfte der 19000 befragten Mitglieder ihre Arbeitsbedingungen als schlecht oder sogar sehr schlecht. 40 Prozent der Befragten gaben an 60 bis 80 Stunden pro Woche zu arbeiten. Gerade jüngere Assistenzärzte mussten oft mehr Bereitschaftsdienste leisten, als gesetzlich erlaubt waren.Frost schiebt zwischen drei und fünf Nachtdienste im Monat, auf seiner ersten Station in der Rettungsstelle waren es eher sechs bis acht. Mit der Entscheidung für die Facharztausbildung als Internist hat Frost die längste von allen gewählt, die Königsdisziplin. Sechs Jahre wird er dafür brauchen. Dass er viel arbeiten würde, wusste er schon vor dem Studium - sein Vater ist auch Internist. Noch ist ihm die Arbeitsbelastung aber nicht zu hoch: "Bis jetzt geht's", sagt er. Überstunden schreibt er auf, bei guter Besetzung kann er auch mal früher gehen oder zuhause bleiben, "das war früher sicher schlechter".

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