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Qualität bei Gründungen steigt, Quanität geht zurück
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Gründerklima

Interesse an Unternehmensgründungen sinkt

wiwo.de, dpa
Die deutsche Wirtschaft wächst kräftig. Das Umfeld ist also so gut wie schon lange nicht mehr für einen Sprung in die Selbstständigkeit. Doch ausgerechnet der boomende Arbeitsmarkt schadet dem Gründerklima und bremst Gründungswillige aus.
Angesichts des boomenden Arbeitsmarkts wagen immer weniger Menschen in Deutschland den Schritt in die Selbstständigkeit. Die Zahl der Existenzgründer sank 2017 im Vergleich zum Vorjahr unerwartet deutlich um 17 Prozent auf das Rekordtief von 557.000, wie aus dem jetzt veröffentlichten "Gründungsmonitor" der staatlichen Förderbank KfW hervorgeht. Der leer gefegte Arbeitsmarkt belastet auch die Gründer. Sie haben zunehmend Probleme, Mitarbeiter zu finden.

"Der Gegenwind für das Gründungsgeschehen war noch nie so groß, weil die Attraktivität der abhängigen Beschäftigung so hoch ist", sagte KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner. Mit einer durchgreifenden Trendwende in diesem Jahr rechnet er nicht. Derzeit seien keine Impulse in Sicht. Erste Zahlen hatte die KfW im Februar veröffentlicht.

Besonders kräftig war der Rückgang bei Menschen, die sich mit einem Nebenjob selbstständig machen. Deren Zahl verringerte sich um 24 Prozent auf 323.000. "Eine abhängige Beschäftigung auch für den Hinzuverdienst zu finden, ist derzeit so einfach wie nie", heißt es in der Studie. Die Zahl derjenigen, die sich mangels Alternativen selbstständig machten, sank ebenfalls deutlich um 37.000 auf 129.000 Menschen.

Sicherheit oder Selbstständigkeit?

Die Nachfrage nach Arbeitskräften boomt aktuell. Viele Unternehmen klagen über einen Mangel an Fachkräften. "Erwerbstätige haben aktuell die Qual der Wahl", so das Ergebnis der Studie. Die Entscheidung falle immer häufiger gegen eine Selbstständigkeit aus. Auch Gründer selbst werden den Angaben zufolge vom guten Lauf auf dem Arbeitsmarkt gebremst. Rund die Hälfte der Neugründer mit Mitarbeitern hatte 2017 Probleme bei der Stellenbesetzung – "ein beispielloser Rekordwert".

Selbstständige, die im vergangenen Jahr mit einem neuen Unternehmen starteten, schufen insgesamt mehr als 170.000 Vollzeitstellen entsprechende Jobs.

Positiv wertete die KfW, dass die Zahl volkswirtschaftlich besonders bedeutsamer Gründungen gegen den Trend gestiegen sei. Dazu zählt die Förderbank sogenannte Chancengründer (plus 8 Prozent), die häufiger mit Marktneuheiten an den Start gehen. "Für unsere Wettbewerbsfähigkeit in den kommenden Jahren wird es ganz entscheidend sein, dass wir eine beachtliche Anzahl von innovativen Unternehmen haben, denn sie sind ein wesentlicher Jobmotor der Zukunft", argumentierte Zeuner. Im bundesweiten Ranking liegen Berlin und Hamburg vorn. Dort kamen im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2017 auf 10.000 Erwerbsfähige jährlich jeweils 207 Existenzgründer.

Schlusslichter sind Thüringen (93) und Sachsen-Anhalt (60). Die Unterschiede führte die KfW unter anderem auf die Altersstruktur zurück – jüngere Menschen wagen häufiger den Schritt in die Selbstständigkeit. Zudem sei die Gründungstätigkeit in Ballungsräumen höher.

Dieser Artikel ist erschienen am 05.06.2018