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Vitamin B ist kein Nachteil.
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Vitamin B

Karrierevorsprung dank Kontaktfreude

Claudia Tödtmann, wiwo.de
Frauen fällt es immer noch schwerer, Kontakte für die Karriere zu nutzen – aus falschem Ehrgeiz. Dabei spielen Kontaktfreudigkeit und Geselligkeit für die Karriere entscheidende Hauptrollen.
Wenn sie daran denkt, was sie früher einmal glaubte, muss sie schmunzeln. Hanne Diertl war überzeugt davon, dass Erfolg vor allem auf Kompetenz basiert; dass es darauf ankommt, was man kann – und nicht darauf, wen man kennt. "Zu Beginn meiner Karriere war ich eine schlechte Netzwerkerin", sagt sie heute. 

Nach dem BWL-Studium stieg sie 1999 beim damaligen Telekommunikationskonzern Viag Interkom ein, gut ein Jahr später wechselte sie zur British Telecom nach München. Und begriff dort schon bald, wie entscheidend die richtigen Kontakte für ihre Karriere sein würden.

Anders als in Deutschland ist es in Großbritannien üblich, nach Dienstschluss mit Kollegen etwas trinken zu gehen. Dabei wird auch über Privates gesprochen, über Hobbys und Urlaube. "Gemeinsamkeiten verbinden", sagt Diertl, und das Verbindliche "hilft gerade dann, wenn neue Stellen zu besetzen sind".

Heute ist die 43-Jährige Bereichsleiterin des Automobilzulieferers TecAlliance in Ismaning. Ihrer Kompetenz wegen, sicher. Aber auch wegen ihrer Fähigkeit, ein deutlich wahrgenommener Teil des Kollegenkreises zu sein – und sich in männerdominierten Runden auch mal vorzudrängeln. "Gute Netzwerker warten nicht darauf, dass man sie anspricht", sagt sie, und: "Ich bin schon immer gerne auf andere Leute zugegangen." Ohne Kontaktfreude und Geselligkeit wäre ihre Karriere anders verlaufen. Vermutlich weniger erfolgreich.

Beruflicher Erfolg lässt sich leicht pushen

Keine Frage: Wie viele und welche Menschen wir kennen, das beeinflusst unseren Wert und Erfolg als Käufer, Kunde und Kollege. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat dazu kürzlich Ergebnisse einer Umfrage vorgelegt. Im vierten Quartal 2016 kontaktierten die Wissenschaftler knapp 12.000 deutsche Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen und erfuhren: Jede dritte Stelle wird über persönliche Kontakte vergeben.

Noch immer tun sich viele Frauen schwer damit, Netzwerke zur Beförderung ihres beruflichen Erfolgs zu knüpfen. Da ticken "Männer ganz anders", schreiben die beiden Karrierecoaches Christine Weiner und Carola Kupfer in "Das Pippilotta-Projekt". Männer nutzten und mehrten ihre Kontakte ständig, um relevante Informationen einzuholen.

Außerdem verstünden sie das Netzwerken ohne Scham als wesentliche Voraussetzung einer Karriere. Frauen hingegen neigten weiterhin zu "Zurückhaltung und Bescheidenheit". Ehrenwerte Eigenschaften, die aber in der Arbeitswelt von heute eher von Nachteil sind.

Vorteil strategischer Allianzen

Auch eine Untersuchung von QX-Quarterly Crossing, einem Netzwerk mit rund 2000 Führungskräften, in Zusammenarbeit mit der TU München vor einigen Jahren kommt zu dem Schluss: Männer gehen beim Netzwerken strategischer vor. Manche nehmen sich viel Zeit für analoge Treffen. Andere geben sich Mühe bei der digitalen Kontaktaufnahme und -pflege.

Hinzu komme, dass Frauen mehr Hemmungen hätten, ihr Netzwerk beruflich um einen Gefallen zu bitten. Die amerikanische Managementforscherin Kathryn Heath wiederum hat kürzlich 134 Führungskräfte in US-Konzernen befragt. Während Männer sich gerne mit Kollegen gegen andere verbündeten, so ihre Bilanz, lehnten 68 Prozent der Frauen strategische Allianzen generell ab.

Marion Büttgen, Professorin am Lehrstuhl für Unternehmensführung der Universität Hohenheim, appelliert seit Jahren an ihre Studentinnen, sich sichtbar zu machen – und jede Gelegenheit zu ergreifen, um beispielsweise auf Fachkonferenzen Vorträge und Präsentationen zu halten. Nur gut sein, das genüge nicht: "Sie dürfen nicht erwarten, dass man Sie eines Tages schon entdecken wird", sagt Büttgen, "sondern müssen dafür sorgen, von potenziellen Multiplikatoren wahrgenommen zu werden."

Einzahlen in die Gefälligkeitsbank

Das Selbstmarketing fällt vielen Frauen immer noch schwer. Daran haben auch branchenübergreifende Frauennetzwerke wie European Women's Management Development und Business and Professional Women Germany nichts geändert. Es ist eben nicht damit getan, auf Veranstaltungen Visitenkarten zu verteilen und darauf zu setzen, dass Aufträge und Jobangebote dann schon von alleine folgen.

Daniela Seeliger, Partnerin in der Kanzlei Linklaters und Professorin für Kartellrecht, drückt es so aus: "Frauen versäumen, auf die Gefälligkeitsbank einzuzahlen." Sie tauschten zu wenig Informationen aus, stimmten sich kaum über gemeinsame Ziele ab und verschafften sich gegenseitig keine Projekte. "Für Männer sind solche kleinen Gesten selbstverständlich", sagt Seeliger, die nicht nur als Mentorin im internen Frauennetzwerk der Kanzlei, sondern auch bei einem Mentorenprogramm der Universität Osnabrück engagiert ist.

Seeliger schätzt, dass Männer jeden Tag ein bis zwei Stunden aufs Netzwerken verwenden, obendrein Abende und Wochenenden, sei es beim gemeinsamen Segeln, Jagen und Golfen, in Verbänden, Arbeitsgruppen oder auf Fachkonferenzen. "Frauen verkneifen sich derlei Termine", sagt die Professorin, "konzentrieren sich auf die Sacharbeit und hängen lieber abends zu Hause noch eine Stunde dran."

Frauen sabotieren Frauen

Dass auch das Netzwerken "gut investierte Zeit" sei, sagt Seeliger, "kommt vielen Frauen leider nicht in den Sinn". Hinzu kommt: Frauen neigen dazu, andere Frauen nicht in erster Linie als Kolleginnen, sondern als Konkurrentinnen zu begreifen – und zwar wegen ihres Frau-Seins – ein inzwischen in mehreren Studien belegter Befund, der sich "Queen Bee Syndrome" nennt. So wie eine Bienenkönigin keine Widersacher duldet, sabotieren Frauen im Ernstfall andere Frauen – weil sie sie nicht als Bereicherung empfinden, sondern als Bedrohung.

Auch Ruth Kramer, Vorständin in einem internationalen Großkonzern, die ihren echten Namen nicht nennen will, vergegenwärtigte sich erst nach vielen Berufsjahren, dass Sachkenntnis und Leistung allein nicht zum Erfolg führen. "Es war Unfug von mir zu glauben, dass allein Argumente für die Karriere zählen", sagt sie heute.

Sie fand es sogar fast ehrenrührig, Treffen von Frauennetzwerken nur aus Kalkül zu besuchen. Irgendwann dachte sie um – und schaffte es innerhalb von sieben Jahren von der Rechtsabteilung in die Chefetage. Dafür will sie sich heute revanchieren, indem sie die Karrieren anderer Frauen fördert, gegenseitig auf offene Positionen hinweist und Kolleginnen gezielt anspricht.

Kalkuliertes Netzwerken als Teil des Geschäfts

Was die einen allzu kühl kalkuliert finden, ist für Multiplikatoren "Teil des Geschäfts", sagt Tijen Onaran. Die 33-Jährige ist Gründerin des Frauennetzwerks Global Digital Women, eines hierarchie- und branchenübergreifenden Netzwerks für Frauen aus der Digitalbranche. Dort treffen einmal im Monat Gründerinnen von Start-ups auf Top-Managerinnen aus Konzernen wie Janina Kugel von Siemens oder Ex-Boehringer-Ingelheim-Finanzchefin Simone Menne. Vor allem, um Zukunftsthemen rund um Digitalisierung und Innovation zu diskutieren. Die Community umfasst nach Aussage von Onaran inzwischen 20.000 Frauen. Dieses Jahr soll das Netzwerk sich internationalisieren und Ableger in der Schweiz, in Großbritannien und Ägypten eröffnen. Im nächsten Jahr ist ein globaler Digital-Gipfel in Berlin geplant.

Onaran kann nicht verstehen, dass Frauen beleidigt reagieren, wenn sich "ein Kontakt" jahrelang nicht meldet – und erst dann, wenn es ein Problem gibt. "Genau darum geht es doch beim Netzwerken: helfen, wenn man gebraucht wird – und Hilfe erhalten, wenn man sie selbst braucht." Erfolgreiche Netzwerker hätten keine übertriebene Erwartungshaltung. "Manche Kontakte bewähren sich nun mal erst nach Jahren."

Im richtigen Moment zur Stelle


Gelegentlich gehört dazu auch, auf Tipps aus dem Netzwerk zu vertrauen. Daniela Antonin zum Beispiel, Chefin des Hetjens-Museums in Düsseldorf, folgte vor acht Jahren dem Hinweis eines Mitglieds des Freundeskreises: Es gebe da jemanden, den sie mal kennenlernen müsse. Daraufhin traf sie einen netten älteren Herrn zum Kaffee, der sich als Kunst-Aficionado mit teuren Stücken aus der Sammlung der Rockefeller-Familie erwies. Heraus kam am Ende nicht nur eine Ausstellung im Museum. Als er vor drei Jahren starb, stellte sich zu Antonins Überraschung heraus, dass er dem Haus auch einen sechsstelligen Geldbetrag vermacht hatte, den die Stadt Düsseldorf vergangenen August annahm.

Wichtig sei, seinem Netzwerk ständig etwas zu bieten, sagt der Hamburger Personalberater Dwight Cribb. Wer im richtigen Moment eine kleine Hilfe gibt, verbessert seinen Marktwert. "Viele Frauen sehen Netzwerken noch immer nicht als Arbeit an", sagt Cribb, "obwohl es welche ist." Der Headhunter veranstaltet regelmäßig Kaminrunden, kürzlich lud er in München wieder mal zu einem Abendessen. Vier Frauen und sieben Männer, jede Person fand er interessant, es sollte kein festes Thema geben, sondern einen lockeren Austausch. Von den Männern sagten alle zu. Die Frauen sagten alle ab.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 09.05.2018