Forschung

Testosteron und Finanzen

Tim De Chant
Testosteron ist nicht nur ein wichtiges männliches Hormon, sondern auch ein Grund für finanzielle Risikobereitschaft. Dies belegt die Forscherin Paola Sapienza der Kellogg School of Management. Lesen Sie hier, welchen Einfluss Testosteron auf Männer und Frauen hat.
Testosteron hat einen großen Einfluss auf finanzielle EntscheidungenFoto: © Kzenon - Fotolia.com
Testosteron. Das Wort allein ruft Bilder von muskelprotzenden Bodybuildern und Bullys hervor, aber das Hormon – wesentlich für die embryonale Entwicklung von sowohl Männern als auch Frauen – hat in jüngster Zeit auch in der Geschäftswelt für Schlagzeilen gesorgt. Die Rolle des Steroids Testosteron – früher einmal hauptsächlich für seine muskelaufbauenden Fähigkeiten erforscht – wurde inzwischen in so unterschiedlichen Bereichen wie embryonaler Entwicklung, aggressivem Verhalten und Haarausfall untersucht. Dazu kommt jetzt auch die finanzielle Risikobereitschaft.
Die Verbindung von Testosteron zu riskantem Verhalten ist schon seit langem bekannt. Und obwohl neuere Untersuchungen gezeigt haben, dass Frauen im Allgemeinen Risiken eher vermeiden als Männer, hat keine dieser früheren Studien diese Tendenzen mit Testosteron in Verbindung gebracht.In einem Artikel, der in der dieswöchigen Ausgabe von Proceedings of the National Academy of Science erschien, zeigen Paola Sapienza (Associate Professor für Finanzwesen und Zell Center Faculty Fellow an der Kellogg School of Management), Luigi Zingales (Professor für Unternehmertum und Finanzwesen an der Universität Chicago) und Dario Maestripieri (Professor für Vergleichende Bildungsforschung an der Universität Chicago), dass der Testosteronspiegel mit sowohl finanzieller Risikobereitschaft als auch der Berufswahl korreliert. Personen mit mäßig hohem Hormonspiegel gehen finanzielle Entscheidungen weniger vorsichtig an und sind in großen Zahlen im Finanzwesen tätig.„Die Ergebnisse sind etwas überraschend, da dieser Effekt viel stärker bei Frauen ausgeprägt ist", bemerkt Sapienza. „Wir waren erstaunt, dass sich dieser Effekt nicht bei Männern zeigt, die schließlich für ihr Testosteron bekannt sind."Messung von RisikovermeidungZu Anfang ihrer Studie 2006 maßen Sapienza und ihre Kollegen das Verhältnis von Zeige- zu Ringfinger – ein Korrelat der vorgeburtlichen Testosteronexposition – und nahmen Speichelproben von 460 MBA-Studenten zur Ermittlung ihres Testosteronspiegels. Für eine Studie dieser Art ist das eine ungewöhnlich große Probandenzahl.Während die erste Runde der Speichelproben auf Eis gekühlt von der Universität Chicago zur Analyse so schnell wie möglich in die Labors der Northwestern University gebracht wurde, nahmen die Studenten an einer sorgfältig konstruierten Lotterie teil – die Sapienza als „ein Experiment zur standardisierten Messung der Risikovermeidung" in den Wirtschaftsbereichen bezeichnet. Die Forscher erfassten später auch noch Informationen zur Berufswahl der einzelnen Probanden.In der Lotterie hatten die Probanden die Wahl zwischen der Chance, 200 Dollar zu gewinnen, und einem garantierten Gewinn in geringerer Höhe. Bei jeder weiteren Runde erhöhte sich der garantierte Gewinnbetrag, sodass sich garantierter und ungewisser Gewinn immer mehr annäherten.Obwohl sich einige Studenten gleichbleibend entweder für den ungewissen oder aber für den garantierten Gewinn entschieden, gab es sehr viele in der Mitte. Sapienza und ihre Kollegen waren vor allem an dem Zeitpunkt interessiert, zu dem diese Probanden vom ungewissen auf den garantierten Gewinn wechselten – und in welchem Verhältnis diese Entscheidung zum jeweiligen Testosteronspiegel stand.Ihre Ergebnisse hinterfragen zumindest eins der Klischees, nämlich das des vor Testosteron berstenden Risikosüchtigen. Bei Personen, deren Testosteronspiegel oberhalb eines bestimmten Wertes lag, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie die ungewisse Lotterie dem sicheren Gewinn vorzogen, genauso groß wie der umgekehrte Fall.Aber unterhalb dieses Grenzwertes ließ sich eine starke Verbindung zwischen finanzieller Risikobereitschaft und Testosteron feststellen – sowohl bei der Lotterie als auch in der Berufswahl der Probanden. Der Trend in der Lotterie war besonders deutlich bei den Frauen. Ein niedrigerer Hormonspiegel – hierbei handelte es sich meistens um Frauen – ging einher mit größerer finanzieller Vorsicht.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.11.2009

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