Klaus Landfried

Teilzeit studieren? Man muss nur wollen!

Klaus Landfried
Ein Teilzeitstudium bieten die wenigsten Universitäten in Deutschland an, obwohl viele Studierende darauf angewiesen wären. Warum nehmen die Hochschulen keine Rücksicht und ändert das? Klaus Landfried bezieht Stellung.
Studenten haben alle Hände voll zu tunFoto: © Oliver Sperl
Kürzlich gingen viele junge Leute auf die Straße, um für "bessere Bildung" zu demonstrieren. Auf die Frage, was sie darunter verstehen, bekam ich eher unscharfe Antworten. Der von den meisten gar nicht begriffene Bologna-Prozess mit dem angeblich immer verschulten Bachelor spielte eine Rolle. Und der übertriebene Prüfungsstress. Dazu überfüllte Lehrveranstaltungen, das fehlende Geld vom Staat. Und eine Frage: Warum bieten die Unis kein Teilzeitstudium an?
Für mehr als die Hälfte der Studierenden ist ein Vollzeit-Studium unmöglichWarum sollten sie das? Ist Studieren nicht immer eine Vollzeit-Tätigkeit? Die staatliche Hochschulpolitik, das Selbstverständnis der meisten Hochschulen und die wirklichkeitsblinde Hochschulstatistik wollen uns das suggerieren. Stimmt natürlich nicht. Die Tatsache, dass mehr als die Hälfte aller Studierenden in Deutschland aus vielerlei Gründen nicht "Vollzeit" studieren können, ist seit den Sozialerhebungen vom Hochschul-Informations-System für das Deutsche Studentenwerk hinreichend bekannt. Die Zahlen steigen.Die Gründe: arbeiten, weil kein BaföG oder zu wenig; für Kind(er) sorgen, gesundheitliche und familiäre Probleme, aktiver Leistungssport, individuelle Behinderungen. Warum nehmen die meisten Hochschulen darauf keine Rücksicht? Zum Beispiel durch spezielle Teilzeitstudienprogramme, durch flexiblere, zeitliche Anerkennung von Kreditpunkten während des Studiums, durch eine flexiblere Gestaltung der Prüfungs-Zeiträume? Ich weiß es nicht. Die typische Bürokratenantwort lautet: geht nicht. Und dann folgt irgendeine angeblich bedeutsame Vorschrift. Es ist Sache der Hochschulleitungen, sich darum zu kümmern, dass es hier endlich heißt: Geht nicht gibt's bei uns nicht. Das gehört zur Fürsorgepflicht für die junge Generation. Und es kann die Attraktivität der Hochschule steigern.Das Fernstudium ist nur eine mögliche LösungWarum geht ein Teilzeitstudium in anderen Ländern, zum Beispiel in den Niederlanden? Für Leistungssportler wurden auch in Deutschland vor Jahren Flexibilisierungen ausgehandelt. Die werden inzwischen wieder vergessen. Natürlich gibt es auch bei uns einige Hochschulen, die das Studieren neben dem Beruf ermöglichen. Allen voran die Fern-Uni Hagen, aber auch mehrere Fern-Fachhochschulen, private wie öffentliche, und einige andere Unis wie die TU Kaiserslautern. Vor allem im Bereich der Master-Programme gibt es ein breites Angebot zur Verbesserung der persönlichen Qualifikation - die Weiterentwicklung der Persönlichkeit eingeschlossen. Fernstudium ist eine Möglichkeit. Es hat natürlich auch Präsenzphasen, Praktika und richtige Prüfungen. Aber auch beim normalen Studium ließe sich durch die Integration von internetbasierten Lernelementen und durch viel mehr zeitliche Flexibilität "Teilzeit" ermöglichen. Man muss es nur wollen.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.08.2009

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